 Freuden und Hoffnungen
gegeben hatte, sein Talent als Dichter und Schauspieler, mit hämischer Kritik
von allen Seiten an. Er sah in seinen Arbeiten nichts als eine geistlose
Nachahmung einiger hergebrachter Formen ohne inneren Wert; er wollte darin nur
steife Schulexerzitien erkennen, denen es an jedem Funken von Naturell, Wahrheit
und Begeisterung fehle. In seinen Gedichten fand er nur ein monotones Silbenmass,
in welchem, durch einen armseligen Reim zusammengehalten, ganz gemeine Gedanken
und Empfindungen sich hinschleppten; und so benahm er sich auch jede Aussicht,
jede Lust, die ihn von dieser Seite noch allenfalls hätte wieder aufrichten
können.
    Seinem Schauspielertalente ging es nicht besser. Er schalt sich, dass er
nicht früher die Eitelkeit entdeckt, die allein dieser Anmassung zum Grunde
gelegen. Seine Figur, sein Gang, seine Bewegung und Deklamation mussten
herhalten; er sprach sich jede Art von Vorzug, jedes Verdienst, das ihn über das
Gemeine emporgehoben hätte, entscheidend ab und vermehrte seine stumme
Verzweiflung dadurch auf den höchsten Grad. Denn wenn es hart ist, der Liebe
eines Weibes zu entsagen, so ist die Empfindung nicht weniger schmerzlich, von
dem Umgange der Musen sich loszureißen, sich ihrer Gemeinschaft auf immer
unwürdig zu erklären und auf den schönsten und nächsten Beifall, der unsrer
Person, unserm Betragen, unsrer Stimme öffentlich gegeben wird, Verzicht zu tun.
    So hatte sich denn unser Freund völlig resigniert und sich zugleich mit
großem Eifer den Handelsgeschäften gewidmet. Zum Erstaunen seines Freundes und
zur größten Zufriedenheit seines Vaters war niemand auf dem Komptoir und der
Börse, im Laden und Gewölbe tätiger als er; Korrespondenz und Rechnungen und was
ihm aufgetragen wurde, besorgte und verrichtete er mit größtem Fleiß und Eifer.
Freilich nicht mit dem heitern Fleiße, der zugleich dem Geschäftigen Belohnung
ist, wenn wir dasjenige, wozu wir geboren sind, mit Ordnung und Folge
verrichten, sondern mit dem stillen Fleiße der Pflicht, der den besten Vorsatz
zum Grunde hat, der durch Überzeugung genährt und durch ein inneres Selbstgefühl
belohnt wird, der aber doch oft, selbst dann, wenn ihm das schönste Bewusstsein
die Krone reicht, einen vordringenden Seufzer kaum zu ersticken vermag.
    Auf diese Weise hatte Wilhelm eine Zeitlang sehr emsig fortgelebt und sich
überzeugt, dass jene harte Prüfung vom Schicksale zu seinem Besten veranstaltet
worden. Er war froh, auf dem Wege des Lebens sich beizeiten, obgleich
unfreundlich genug, gewarnt zu sehen, anstatt dass andere später und schwerer die
Missgriffe büßen, wozu sie ein jugendlicher Dünkel verleitet hat. Denn gewöhnlich
wehrt sich der Mensch so lange, als er kann, dem Toren, den er im Busen hegt,
einen Hauptirrtum zu bekennen und eine Wahrheit einzugestehen, die ihn zur
Verzweiflung bringt.
    So entschlossen er war, seinen liebsten Vorstellungen zu
