 so fasst
schon dieser kleine Raum zwei ganz verschiedene Opfer der strengen,
willkürlichen und unerbittlichen Todesgöttin. Nach bestimmten Gesetzen treten
wir ins Leben ein, die Tage sind gezählt, die uns zum Anblicke des Lichts reif
machen, aber für die Lebensdauer ist kein Gesetz. Der schwächste Lebensfaden
zieht sich in unerwartete Länge, und den stärksten zerschneidet gewaltsam die
Schere einer Parze, die sich in Widersprüchen zu gefallen scheint. Von dem
Kinde, das wir hier bestatten, wissen wir wenig zu sagen. Noch ist uns
unbekannt, woher es kam; seine Eltern kennen wir nicht, und die Zahl seiner
Lebensjahre vermuten wir nur. Sein tiefes verschlossenes Herz ließ uns seine
innersten Angelegenheiten kaum erraten; nichts war deutlich an ihm, nichts
offenbar, als die Liebe zu dem Manne, der es aus den Händen eines Barbaren
rettete. Diese zärtliche Neigung, diese lebhafte Dankbarkeit schien die Flamme
zu sein, die das Öl ihres Lebens aufzehrte; die Geschicklichkeit des Arztes
konnte das schöne Leben nicht erhalten, die sorgfältigste Freundschaft vermochte
nicht, es zu fristen. Aber wenn die Kunst den scheidenden Geist nicht zu fesseln
vermochte, so hat sie alle ihre Mittel angewandt, den Körper zu erhalten und ihn
der Vergänglichkeit zu entziehen. Eine balsamische Masse ist durch alle Adern
gedrungen und färbt nun an der Stelle des Bluts die so früh verblichenen Wangen.
Treten Sie näher, meine Freunde, und sehen Sie das Wunder der Kunst und
Sorgfalt!«
    Er hub den Schleier auf, und das Kind lag in seinen Engelkleidern wie
schlafend in der angenehmsten Stellung. Alle traten herbei und bewunderten
diesen Schein des Lebens. Nur Wilhelm blieb in seinem Sessel sitzen, er konnte
sich nicht fassen; was er empfand, durfte er nicht denken, und jeder Gedanke
schien seine Empfindung zerstören zu wollen.
    Die Rede war um des Marchese willen französisch gesprochen worden. Dieser
trat mit den andern herbei und betrachtete die Gestalt mit Aufmerksamkeit. Der
Abbé fuhr fort: »Mit einem heiligen Vertrauen war auch dieses gute, gegen die
Menschen so verschlossene Herz beständig zu seinem Gott gewendet. Die Demut, ja
eine Neigung, sich äußerlich zu erniedrigen, schien ihm angeboren. Mit Eifer
hing es an der katholischen Religion, in der es geboren und erzogen war. Oft
äußerte sie den stillen Wunsch, auf geweihtem Boden zu ruhen, und wir haben nach
den Gebräuchen der Kirche dieses marmorne Behältnis und die wenige Erde
geweihet, die in ihrem Kopfkissen verborgen ist. Mit welcher Inbrunst küsste sie
in ihren letzten Augenblicken das Bild des Gekreuzigten, das auf ihren zarten
Armen mit vielen hundert Punkten sehr zierlich abgebildet steht!« Er streifte
zugleich, indem er das sagte, ihren rechten Arm auf, und ein Kruzifix, von
verschiedenen Buchstaben und Zeichen
