«, sagte Jarno, der eben
hinzutrat.
    »Auch ist es schwer«, versetzte der Abbé, »sich in der Kürze bestimmt
hierüber zu erklären. Ich sage nur so viel: sobald der Mensch an mannigfaltige
Tätigkeit oder mannigfaltigen Genuss Anspruch macht, so muss er auch fähig sein,
mannigfaltige Organe an sich gleichsam unabhängig voneinander auszubilden. Wer
alles und jedes in seiner ganzen Menschheit tun oder genießen will, wer alles
außer sich zu einer solchen Art von Genuss verknüpfen will, der wird seine Zeit
nur mit einem ewig unbefriedigten Streben hinbringen. Wie schwer ist es, was so
natürlich scheint, eine gute Statue, ein treffliches Gemälde an und für sich zu
beschauen, den Gesang um des Gesangs willen zu vernehmen, den Schauspieler im
Schauspieler zu bewundern, sich eines Gebäudes um seiner eigenen Harmonie und
seiner Dauer willen zu erfreuen! Nun sieht man aber meist die Menschen
entschiedene Werke der Kunst geradezu behandeln, als wenn es ein weicher Ton
wäre. Nach ihren Neigungen, Meinungen und Grillen soll sich der gebildete Marmor
sogleich wieder ummodeln, das festgemauerte Gebäude sich ausdehnen oder
zusammenziehen, ein Gemälde soll lehren, ein Schauspiel bessern, und alles soll
alles werden. Eigentlich aber, weil die meisten Menschen selbst formlos sind,
weil sie sich und ihrem Wesen selbst keine Gestalt geben können, so arbeiten
sie, den Gegenständen ihre Gestalt zu nehmen, damit ja alles loser und lockrer
Stoff werde, wozu sie auch gehören. Alles reduzieren sie zuletzt auf den
sogenannten Effekt, alles ist relativ, und so wird auch alles relativ, außer dem
Unsinn und der Abgeschmackteit, die denn auch ganz absolut regiert.«
    »Ich verstehe Sie«, versetzte Jarno, »oder vielmehr ich sehe wohl ein, wie
das, was Sie sagen, mit den Grundsätzen zusammenhängt, an denen Sie so
festhalten; ich kann es aber mit den armen Teufeln von Menschen unmöglich so
genau nehmen. Ich kenne freilich ihrer genug, die sich bei den größten Werken
der Kunst und der Natur sogleich ihres armseligsten Bedürfnisses erinnern, ihr
Gewissen und ihre Moral mit in die Oper nehmen, ihre Liebe und Hass vor einem
Säulengange nicht ablegen, und das Beste und Größte, was ihnen von außen
gebracht werden kann, in ihrer Vorstellungsart erst möglichst verkleinern
müssen, um es mit ihrem kümmerlichen Wesen nur einigermaßen verbinden zu
können.«
 
                                 Achtes Kapitel
Am Abend lud der Abbé zu den Exequien Mignons ein. Die Gesellschaft begab sich
in den Saal der Vergangenheit und fand denselben auf das sonderbarste erhellt
und ausgeschmückt. Mit himmelblauen Teppichen waren die Wände fast von oben bis
unten bekleidet, so dass nur Sockel und Fries hervorschienen. Auf den vier
Kandelabern in den Ecken brannten große Wachsfackeln, und so nach Verhältnis auf
den vier
