 recht deutlich sehen und festhalten, was an uns
ist, und was wir an uns ausbilden können; lassen Sie uns gegen die andern
gerecht sein, denn wir sind nur insofern zu achten, als wir zu schätzen wissen.«
- »Um Gottes willen! keine Sentenzen weiter! Ich fühle, sie sind ein schlechtes
Heilmittel für ein verwundetes Herz. Sagen Sie mir lieber mit Ihrer grausamen
Bestimmtheit, was Sie von mir erwarten, und wie und auf welche Weise Sie mich
aufopfern wollen.« »Jeden Verdacht, ich versichere Sie, werden Sie uns künftig
abbitten. Es ist Ihre Sache, zu prüfen und zu wählen, und die unsere, Ihnen
beizustehn. Der Mensch ist nicht eher glücklich, als bis sein unbedingtes
Streben sich selbst seine Begrenzung bestimmt. Nicht an mich halten Sie sich,
sondern an den Abbé; nicht an sich denken Sie, sondern an das, was Sie umgibt.
Lernen Sie zum Beispiel Lotarios Trefflichkeit einsehen, wie sein Überblick und
seine Tätigkeit unzertrennlich miteinander verbunden sind, wie er immer im
Fortschreiten ist, wie er sich ausbreitet und jeden mit fortreisst. Er führt, wo
er auch sei, eine Welt mit sich, seine Gegenwart belebt und feuert an. Sehen Sie
unsern guten Medikus dagegen: es scheint gerade die entgegengesetzte Natur zu
sein. Wenn jener nur ins Ganze und auch in die Ferne wirkt, so richtet dieser
seinen hellen Blick nur auf die nächsten Dinge, er verschafft mehr die Mittel
zur Tätigkeit, als dass er die Tätigkeit hervorbrächte und belebte; sein Handeln
sieht einem guten Wirtschaften vollkommen ähnlich, seine Wirksamkeit ist still,
indem er einen jeden in seinem Kreis befördert; sein Wissen ist ein beständiges
Sammeln und Ausspenden, ein Nehmen und Mitteilen im kleinen. Vielleicht könnte
Lotario in einem Tage zerstören, woran dieser jahrelang gebaut hat; aber
vielleicht teilt auch Lotario in einem Augenblick andern die Kraft mit, das
Zerstörte hundertfaltig wiederherzustellen.« - »Es ist ein trauriges Geschäft«,
sagte Wilhelm, »wenn man über die reinen Vorzüge der andern in einem Augenblicke
denken soll, da man mit sich selbst uneins ist; solche Betrachtungen stehen dem
ruhigen Manne wohl an, nicht dem, der von Leidenschaft und Ungewissheit bewegt
ist.« - »Ruhig und vernünftig zu betrachten, ist zu keiner Zeit schädlich, und
indem wir uns gewöhnen, über die Vorzüge anderer zu denken, stellen sich die
unsern unvermerkt selbst an ihren Platz, und jede falsche Tätigkeit, wozu uns
die Phantasie lockt, wird alsdann gern von uns aufgegeben. Befreien Sie
womöglich Ihren Geist von allem Argwohn und aller Ängstlichkeit! Dort kommt der
Abbé, sein Sie ja freundlich gegen ihn, bis Sie noch mehr erfahren, wieviel Dank
Sie ihm schuldig sind
