 einander doch kein Geheimnis.«
    »Es verwirrt mich schon das Andenken dieser Verworrenheit. Klären Sie mich
über den Mann auf, dem ich so viel schuldig bin, und dem ich so viel Vorwürfe zu
machen habe.«
    »Was ihn uns so schätzbar macht«, versetzte Jarno, »was ihm gewissermaßen
die Herrschaft über uns alle erhält, ist der freie scharfe Blick, den ihm die
Natur über alle Kräfte, die im Menschen nur wohnen, und wovon sich jede in ihrer
Art ausbilden lässt, gegeben hat. Die meisten Menschen, selbst die vorzüglichen,
sind nur beschränkt; jeder schätzt gewisse Eigenschaften an sich und andern; nur
die begünstigt er, nur die will er ausgebildet wissen. Ganz entgegengesetzt
wirkt der Abbé, er hat Sinn für alles, Lust an allem, es zu erkennen und zu
befördern. Da muss ich doch wieder in die Rolle sehen!« fuhr Jarno fort: »Nur
alle Menschen machen die Menschheit aus, nur alle Kräfte zusammengenommen die
Welt. Diese sind unter sich oft im Widerstreit, und indem sie sich zu zerstören
suchen, hält sie die Natur zusammen und bringt sie wieder hervor. Von dem
geringsten tierischen Handwerkstriebe bis zur höchsten Ausübung der geistigsten
Kunst, vom Lallen und Jauchzen des Kindes bis zur trefflichsten Äußerung des
Redners und Sängers, vom ersten Balgen der Knaben bis zu den ungeheuren
Anstalten, wodurch Länder erhalten und erobert werden, vom leichtesten
Wohlwollen und der flüchtigsten Liebe bis zur heftigsten Leidenschaft und zum
ernstesten Bunde, von dem reinsten Gefühl der sinnlichen Gegenwart bis zu den
leisesten Ahnungen und Hoffnungen der entferntesten geistigen Zukunft, alles das
und weit mehr liegt im Menschen und muss ausgebildet werden; aber nicht in einem,
sondern in vielen. Jede Anlage ist wichtig, und sie muss entwickelt werden. Wenn
einer nur das Schöne, der andere nur das Nützliche befördert, so machen beide
zusammen erst einen Menschen aus. Das Nützliche befördert sich selbst, denn die
Menge bringt es hervor, und alle können's nicht entbehren; das Schöne muss
befördert werden, denn wenige stellen's dar und viele bedürfen's.«
    »Halten Sie inne!« rief Wilhelm, »ich habe das alles gelesen.« - »Nur noch
einige Zeilen!« versetzte Jarno. »Hier find' ich den Abbé ganz wieder: Eine
Kraft beherrscht die andere, aber keine kann die andere bilden; in jeder Anlage
liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden; das verstehen so wenig Menschen,
die doch lehren und wirken wollen.« - »Und ich verstehe es auch nicht«,
versetzte Wilhelm. - »Sie werden über diesen Text den Abbé noch oft genug hören,
und so lassen Sie uns nur immer
