 wenig geschont«, sagte Wilhelm, »und Sie scheinen Ihren
Grundsätzen treu zu bleiben.« - »Was ist denn da zu schonen«, versetzte Jarno,
»wenn ein junger Mensch von mancherlei guten Anlagen eine ganz falsche Richtung
nimmt?« - »Verzeihen Sie«, sagte Wilhelm, »Sie haben mir streng genug alle
Fähigkeit zum Schauspieler abgesprochen; ich gestehe Ihnen, dass, ob ich gleich
dieser Kunst ganz entsagt habe, so kann ich mich doch unmöglich bei mir selbst
dazu für ganz unfähig erklären.« - »Und bei mir«, sagte Jarno, »ist es doch so
rein entschieden, dass, wer sich nur selbst spielen kann, kein Schauspieler ist.
Wer sich nicht dem Sinn und der Gestalt nach in viele Gestalten verwandeln kann,
verdient nicht diesen Namen. So haben Sie z.B. den Hamlet und einige andere
Rollen recht gut gespielt, bei denen Ihr Charakter, Ihre Gestalt und die
Stimmung des Augenblicks Ihnen zugute kamen. Das wäre nun für ein
Liebhaberteater und für einen jeden gut genug, der keinen andern Weg vor sich
sähe Man soll sich«, fuhr Jarno fort, indem er auf die Rolle sah, »vor einem
Talente hüten, das man in Vollkommenheit auszuüben nicht Hoffnung hat. Man mag
es darin so weit bringen, als man will, so wird man doch immer zuletzt, wenn uns
einmal das Verdienst des Meisters klar wird, den Verlust von Zeit und Kräften,
die man auf eine solche Pfuscherei gewendet hat, schmerzlich bedauern.«
    »Lesen Sie nichts!« sagte Wilhelm »ich bitte Sie inständig, sprechen Sie
fort, erzählen Sie mir, klären Sie mich auf! Und so hat also der Abbé mir zum
Hamlet geholfen, indem er einen Geist herbeischafte?« - »Ja, denn er
versicherte, dass es der einzige Weg sei Sie zu heilen, wenn Sie heilbar wären.«
- »Und darum ließ er mir den Schleier zurück und hieß mich fliehen?« - »Ja, er
hoffte sogar, mit der Vorstellung des Hamlets sollte Ihre ganze Lust gebüßt
sein. Sie würden nachher das Theater nicht wieder betreten, behauptete er; ich
glaubte das Gegenteil und behielt recht. Wir stritten noch selbigen Abend nach
der Vorstellung darüber.« - »Und Sie haben mich also spielen sehen?« - »O
gewiss!« - »Und wer stellte denn den Geist vor?« - »Das kann ich selbst nicht
sagen, entweder der Abbé oder sein Zwillingsbruder, doch glaub' ich dieser, denn
er ist um ein weniges größer.« - »Sie haben also auch Geheimnisse
untereinander?« - »Freunde können und müssen Geheimnisse voreinander haben; sie
sind
