 Ehrfurcht einflößt,
man lässt uns die wunderlichsten Erscheinungen sehen, man gibt uns Rollen voll
herrlicher, geheimnisreicher Sprüche, davon wir freilich das wenigste verstehen,
man eröffnet uns, dass wir bisher Lehrlinge waren, man spricht uns los, und wir
sind so klug wie vorher.« - »Haben Sie das Pergament nicht bei der Hand?« fragte
Jarno, »es enthält viel Gutes, denn jene allgemeinen Sprüche sind nicht aus der
Luft gegriffen; freilich scheinen sie demjenigen leer und dunkel, der sich
keiner Erfahrung dabei erinnert. Geben Sie mir den sogenannten Lehrbrief doch,
wenn er in der Nähe ist.« - »Gewiss, ganz nah«, versetzte Wilhelm, »so ein
Amulett sollte man immer auf der Brust tragen.« - »Nun«, sagte Jarno lächelnd,
»wer weiß, ob der Inhalt nicht einmal in Ihrem Kopf und Herzen Platz findet.«
    Jarno blickte hinein und überlief die erste Hälfte mit den Augen. »Diese«,
sagte er, »bezieht sich auf die Ausbildung des Kunstsinnes, wovon andere
sprechen mögen; die zweite handelt vom Leben, und da bin ich besser zu Hause.«
    Er fing darauf an, Stellen zu lesen, sprach dazwischen und knüpfte
Anmerkungen und Erzählungen mit ein. »Die Neigung der Jugend zum Geheimnis, zu
Zeremonien und großen Worten ist außerordentlich und oft ein Zeichen einer
gewissen Tiefe des Charakters. Man will in diesen Jahren sein ganzes Wesen, wenn
auch nur dunkel und unbestimmt, ergriffen und berührt fühlen. Der Jüngling, der
vieles ahnt, glaubt in einem Geheimnisse viel zu finden, in ein Geheimnis viel
legen und durch dasselbe wirken zu müssen. In diesen Gesinnungen bestärkte der
Abbé eine junge Gesellschaft teils nach seinen Grundsätzen, teils aus Neigung
und Gewohnheit, da er wohl ehemals mit einer Gesellschaft in Verbindung stand,
die selbst viel im Verborgenen gewirkt haben mochte. Ich konnte mich am
wenigsten in dieses Wesen finden. Ich war älter als die andern, ich hatte von
Jugend auf klar gesehen und wünschte in allen Dingen nichts als Klarheit; ich
hatte kein ander Interesse, als die Welt zu kennen, wie sie war, und steckte mit
dieser Liebhaberei die übrigen besten Gefährten an, und fast hätte darüber
unsere ganze Bildung eine falsche Richtung genommen; denn wir fingen an, nur die
Fehler der andern und ihre Beschränkung zu sehen und uns selbst für treffliche
Wesen zu halten. Der Abbé kam uns zu Hilfe und lehrte uns, dass man die Menschen
nicht beobachten müsse, ohne sich für ihre Bildung zu interessieren, und dass man
sich selbst eigentlich nur in der Tätigkeit zu beobachten und zu erlauschen
imstande sei. Er riet uns, jene ersten Formen der Gesellschaft beizubehalten; es
blieb daher
