 belebt,
überwunden, und Deiner schönen hohen Seele tret' ich gerne den Rang ab. Auch
meinen Freund verehre ich in ebendemselben Sinn; seine Lebensbeschreibung ist
ein ewiges Suchen und Nicht finden; aber nicht das leere Suchen, sondern das
wunderbare gutmütige Suchen begabt ihn, erwähnt, man könne ihm das geben, was
nur von ihm kommen kann. So, meine Liebe, schadet mir auch diesmal meine
Klarheit nichts; ich kenne meinen Gatten besser, als er sich selbst kennt, und
ich achte ihn nur um desto mehr. Ich sehe ihn, aber ich übersehe ihn nicht, und
alle meine Einsicht reicht nicht hin, zu ahnen, was er wirken kann. Wenn ich an
ihn denke, vermischt sich sein Bild immer mit dem Deinigen, und ich weiß nicht,
wie ich es wert bin, zwei solchen Menschen anzugehören. Aber ich will es wert
sein dadurch, dass ich meine Pflicht tue, dadurch, dass ich erfülle, was man von
mir erwarten und hoffen kann.«
»Ob ich Lotarios gedenke? Lebhaft und täglich. Ihn kann ich in der
Gesellschaft, die mich im Geiste umgibt, nicht einen Augenblick missen. O, wie
bedaure ich den trefflichen Mann, der durch einen Jugendfehler mit mir verwandt
ist, dass die Natur ihn Dir so nahe gewollt hat! Wahrlich, ein Wesen wie Du wäre
seiner mehr wert als ich. Dir könnt' ich, Dir müsst' ich ihn abtreten. Lass uns
ihm sein, was nur möglich ist, bis er eine würdige Gattin findet, und auch dann
lass uns zusammen sein und zusammen bleiben.«
»Was werden nun aber unsre Freunde sagen?« begann Natalie. - »Ihr Bruder weiß
nichts davon?« - »Nein! so wenig als die Ihrigen, die Sache ist diesmal nur
unter uns Weibern verhandelt worden. Ich weiß nicht, was Lydie Teresen für
Grillen in den Kopf gesetzt hat; sie scheint dem Abbé und Jarno zu misstrauen.
Lydie hat ihr gegen gewisse geheime Verbindungen und Plane, von denen ich wohl
im allgemeinen weiß, in die ich aber niemals einzudringen gedachte, wenigstens
einigen Argwohn eingeflößt, und bei diesem entscheidenden Schritt ihres Lebens
wollte sie niemand als mir einigen Einfluss verstatten. Mit meinem Bruder war sie
schon früher übereingekommen, dass sie sich wechselsweise ihre Heirat nur melden,
sich darüber nicht zu Rate ziehen wollten.«
    Natalie schrieb nun einen Brief an ihren Bruder, sie lud Wilhelmen ein,
einige Worte dazuzusetzen, Terese hatte sie darum gebeten. Man wollte eben
siegeln, als Jarno sich unvermutet anmelden ließ. Aufs freundlichste ward er
empfangen, auch schien er sehr munter und scherzhaft und konnte endlich nicht
unterlassen zu sagen: »Eigentlich komme ich hierher,
