 Naturalien, und ich weiß, dass oft genug über mich gelacht worden ist. Nur der
Abbé schien mich zu verstehen, er kam mir überall entgegen, er machte mich mit
mir selbst, mit diesen Wünschen und Neigungen bekannt und lehrte mich sie
zweckmäßige befriedigen.«
    »Haben Sie denn«, fragte Wilhelm, »bei der Erziehung Ihrer kleinen
weiblichen Welt auch die Grundsätze jener sonderbaren Männer angenommen? lassen
Sie denn auch jede Natur sich selbst ausbilden? lassen Sie denn auch die Ihrigen
suchen und irren, Missgriffe tun, sich glücklich am Ziele finden oder unglücklich
in die Irre verlieren?«
    »Nein!« sagte Natalie, »diese Art, mit Menschen zu handeln, würde ganz gegen
meine Gesinnungen sein. Wer nicht im Augenblick hilft, scheint mir nie zu
helfen, wer nicht im Augenblicke Rat gibt, nie zu raten. Ebenso nötig scheint es
mir, gewisse Gesetze auszusprechen und den Kindern einzuschärfen, die dem Leben
einen gewissen Halt geben. Ja, ich möchte beinah behaupten, es sei besser, nach
Regeln zu irren, als zu irren, wenn uns die Willkür unserer Natur hin und her
treibt, und wie ich die Menschen sehe, scheint mir in ihrer Natur immer eine
Lücke zu bleiben, die nur durch ein entschieden ausgesprochenes Gesetz
ausgefüllt werden kann.«
    »So ist also Ihre Handlungsweise«, sagte Wilhelm, »völlig von jener
verschieden, welche unsere Freunde beobachten?«
    »Ja!« versetzte Natalie, »Sie können aber hieraus die unglaubliche Toleranz
jener Männer sehen, dass sie eben auch mich auf meinem Wege gerade deswegen, weil
es mein Weg ist, keinesweges stören, sondern mir in allem, was ich nur wünschen
kann, entgegenkommen.«
    Einen umständlichern Bericht, wie Natalie mit ihren Kindern verfuhr,
versparen wir auf eine andere Gelegenheit.
    Mignon verlangte oft in der Gesellschaft zu sein, und man vergönnte es ihr
um so lieber, als sie sich nach und nach wieder an Wilhelmen zu gewöhnen, ihr
Herz gegen ihn aufzuschließen und überhaupt heiterer und lebenslustiger zu
werden schien. Sie hing sich beim Spazierengehen, da sie leicht müde ward, gern
an seinen Arm. »Nun«, sagte sie, »Mignon klettert und springt nicht mehr, und
doch fühlt sie noch immer die Begierde, über die Gipfel der Berge
wegzuspazieren, von einem Hause aufs andere, von einem Baume auf den andern zu
schreiten. Wie beneidenswert sind die Vögel, besonders wenn sie so artig und
vertraulich ihre Nester bauen!«
    Es ward nun bald zur Gewohnheit, dass Mignon ihren Freund mehr als einmal in
den Garten lud. War dieser beschäftigt oder nicht zu finden, so musste Felix die
Stelle vertreten, und wenn das gute Mädchen in manchen
