 in ihrem Kreise beobachten: man hätte sich
nichts Besseres gewünscht, als neben ihr zu leben. Ihre Gegenwart hatte den
reinsten Einfluss auf junge Mädchen und Frauenzimmer von verschiedenem Alter, die
teils in ihrem Hause wohnten, teils aus der Nachbarschaft sie mehr oder weniger
zu besuchen kamen.
    »Der Gang Ihres Lebens«, sagte Wilhelm einmal zu ihr, »ist wohl immer sehr
gleich gewesen? denn die Schilderung, die Ihre Tante von Ihnen als Kind macht,
scheint, wenn ich nicht irre, noch immer zu passen. Sie haben sich, man fühlt es
Ihnen wohl an, nie verwirrt. Sie waren nie genötigt, einen Schritt zurück zu
tun.«
    »Das bin ich meinem Oheim und dem Abbé schuldig«, versetzte Natalie, »die
meine Eigenheiten so gut zu beurteilen wussten. Ich erinnere mich von Jugend an
kaum eines lebhaftern Eindrucks, als dass ich überall die Bedürfnisse der
Menschen sah und ein unüberwindliches Verlangen empfand, sie auszugleichen. Das
Kind, das noch nicht auf seinen Füßen stehen konnte, der Alte, der sich nicht
mehr auf den seinigen erhielt, das Verlangen einer reichen Familie nach Kindern,
die Unfähigkeit einer armen, die ihrigen zu erhalten, jedes stille Verlangen
nach einem Gewerbe, den Trieb zu einem Talente, die Anlagen zu hundert kleinen
notwendigen Fähigkeiten, diese überall zu entdecken, schien mein Auge von der
Natur bestimmt. Ich sah, worauf mich niemand aufmerksam gemacht hatte; ich
schien aber auch nur geboren, um das zu sehen. Die Reize der leblosen Natur, für
die so viele Menschen äußerst empfanglich sind, hatten keine Wirkung auf mich,
beinah noch weniger die Reize der Kunst; meine angenehmste Empfindung war und
ist es noch, wenn sich mir ein Mangel, ein Bedürfnis in der Welt darstellte,
sogleich im Geiste einen Ersatz, ein Mittel, eine Hilfe aufzufinden.
    Sah ich einen Armen in Lumpen, so fielen mir die überflüssigen Kleider ein,
die ich in den Schränken der Meinigen hatte hängen sehen; sah ich Kinder, die
sich ohne Sorgfalt und ohne Pflege verzehrten, so erinnerte ich mich dieser oder
jener Frau, der ich bei Reichtum und Bequemlichkeit Langeweile abgemerkt hatte;
sah ich viele Menschen in einem engen Raume eingesperrt, so dachte ich, sie
müssten in die großen Zimmer mancher Häuser und Paläste einquartiert werden.
Diese Art, zu sehen, war bei mir ganz natürlich ohne die mindeste Reflexion, so
dass ich darüber als Kind das wunderlichste Zeug von der Welt machte und mehr als
einmal durch die sonderbarsten Anträge die Menschen in Verlegenheit setzte. Noch
eine Eigenheit war es, dass ich das Geld nur mit Mühe und spät als ein Mittel,
die Bedürfnisse zu befriedigen, ansehen konnte; alle meine Wohltaten bestanden
in
