 Mensch weiß, wie sehr er an sich und
andern mit einer gewissen Roheit zu kämpfen hat, wieviel ihn seine Bildung
kostet, und wie sehr er doch in gewissen Fällen nur an sich selbst denkt und
vergisst, was er andern schuldig ist. Wie oft macht der gute Mensch sich
Vorwürfe, dass er nicht zart genug gehandelt habe; und doch, wenn nun eine schöne
Natur sich allzu zart, sich allzu gewissenhaft bildet, ja, wenn man will, sich
überbildet, für diese scheint keine Duldung, keine Nachsicht in der Welt zu
sein. Dennoch sind die Menschen dieser Art außer uns, was die Ideale im Innern
sind, Vorbilder, nicht zum Nachahmen, sondern zum Nachstreben. Man lacht über
die Reinlichkeit der Holländerinnen, aber wäre Freundin Terese, was sie ist,
wenn ihr nicht eine ähnliche Idee in ihrem Hauswesen immer vorschwebte?«
    »So finde ich also«, rief Wilhelm aus, »in Theresens Freundin jene Natalie
vor mir, an welcher das Herz jener köstlichen Verwandten hing, jene Natalie, die
von Jugend an so teilnehmend, so liebevoll und hilfreich war! Nur aus einem
solchen Geschlecht konnte eine solche Natur entstehen! Welch eine Aussicht
eröffnet sich vor mir, da ich auf einmal Ihre Voreltern und den ganzen Kreis,
dem Sie angehören, überschaue!«
    »Ja!« versetzte Natalie, »Sie könnten in einem gewissen Sinne nicht besser
von uns unterrichtet sein, als durch den Aufsatz unserer Tante; freilich hat
ihre Neigung zu mir sie zu viel Gutes von dem Kinde sagen lassen. Wenn man von
einem Kinde redet, spricht man niemals den Gegenstand, immer nur seine
Hoffnungen aus.«
    Wilhelm hatte indessen schnell überdacht, dass er nun auch von Lotarios
Herkunft und früher Jugend unterrichtet sei; die schöne Gräfin erschien ihm als
Kind mit den Perlen ihrer Tante um den Hals; auch er war diesen Perlen so nahe
gewesen, als ihre zarten, liebevollen Lippen sich zu den seinigen
herunterneigten; er suchte diese schönen Erinnerungen durch andere Gedanken zu
entfernen. Er lief die Bekanntschaften durch, die ihm jene Schrift verschafft
hatte. »So bin ich denn«, rief er aus, »in dem Hause des würdigen Oheims! Es ist
kein Haus, es ist ein Tempel, und Sie sind die würdige Priesterin, ja der Genius
selbst; ich werde mich des Eindrucks von gestern abend zeitlebens erinnern, als
ich hereintrat und die alten Kunstbilder der frühsten Jugend wieder vor mir
standen. Ich erinnerte mich der mitleidigen Marmorbilder in Mignons Lied; aber
diese Bilder hatten über mich nicht zu trauern, sie sahen mich mit hohem Ernst
an und schlossen meine früheste Zeit unmittelbar an diesen Augenblick. Diesen
unsern alten Familienschatz, diese Lebensfreude meines Großvaters, finde
