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kein glücklicheres Schicksal kann einem Menschen werden.« Der Vorhang riss sich
voneinander, und in voller Rüstung stand der alte König von Dänemark in dem
Raume. »Ich bin der Geist deines Vaters«, sagte das Bildnis, »und scheide
getrost, da meine Wünsche für dich, mehr als ich sie selbst begriff, erfüllt
sind. Steile Gegenden lassen sich nur durch Umwege erklimmen, auf der Ebene
führen gerade Wege von einem Ort zum andern. Lebe wohl und gedenke mein, wenn du
geniessest, was ich dir vorbereitet habe!«
    Wilhelm war äußerst betroffen, er glaubte die Stimme seines Vaters zu hören,
und doch war sie es auch nicht; er befand sich durch die Gegenwart und die
Erinnerung in der verworrensten Lage.
    Nicht lange konnte er nachdenken, als der Abbé hervortrat und sich hinter
den grünen Tisch stellte. »Treten Sie herbei!« rief er seinem verwunderten
Freunde zu. Er trat herbei und stieg die Stufen hinan. Auf dem Teppiche lag eine
kleine Rolle. »Hier ist Ihr Lehrbrief«, sagte der Abbé, »beherzigen Sie ihn, er
ist von wichtigem Inhalt.« Wilhelm nahm ihn auf, öffnete ihn und las:
                                   Lehrbrief
Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urteil schwierig, die Gelegenheit
flüchtig. Handeln ist leicht, Denken schwer; nach dem Gedanken handeln unbequem.
Aller Anfang ist heiter, die Schwelle ist der Platz der Erwartung. Der Knabe
staunt, der Eindruck bestimmt ihn, er lernt spielend, der Ernst überrascht ihn.
Die Nachahmung ist uns angeboren, das Nachzuahmende wird nicht leicht erkannt.
Selten wird das Treffliche gefunden, seltener geschätzt. Die Höhe reizt uns,
nicht die Stufen; den Gipfel im Auge wandeln wir gerne auf der Ebene. Nur ein
Teil der Kunst kann gelehrt werden, der Künstler braucht sie ganz. Wer sie halb
kennt, ist immer irre und redet viel; wer sie ganz besitzt, mag nur tun und
redet selten oder spät. Jene haben keine Geheimnisse und keine Kraft, ihre Lehre
ist, wie gebackenes Brot, schmackhaft und sättigend für einen Tag; aber Mehl
kann man nicht säen, und die Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden. Die
Worte sind gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste wird nicht deutlich
durch Worte. Der Geist, aus dem wir handeln, ist das Höchste. Die Handlung wird
nur vom Geiste begriffen und wieder dargestellt. Niemand weiß, was er tut, wenn
er recht handelt; aber des Unrechten sind wir uns immer bewusst. Wer bloß mit
Zeichen wirkt, ist ein Pedant, ein Heuchler oder ein Pfuscher. Es sind ihrer
viel, und es wird ihnen wohl zusammen. Ihr Geschwätz hält den Schüler zurück
