 kranke Königssohn wohl jetzo schmachten?« - Wilhelm
erkannte leicht den Fremden, der in jener bedeutenden Nacht sich mit ihm im
Gasthause unterhalten hatte. »Vielleicht«, fuhr dieser fort, »können wir jetzt
über Schicksal und Charakter eher einig werden.«
    Wilhelm wollte eben antworten, als der Vorhang sich wieder rasch
zusammenzog. »Sonderbar!« sagte er bei sich selbst, »sollten zufällige
Ereignisse einen Zusammenhang haben? Und das, was wir Schicksal nennen, sollte
es bloß Zufall sein? Wo mag sich meines Großvaters Sammlung befinden? und warum
erinnert man mich in diesen feierlichen Augenblicken daran?«
    Er hatte nicht Zeit, weiter zu denken, denn der Vorhang öffnete sich wieder,
und ein Mann stand vor seinen Augen, den er sogleich für den Landgeistlichen
erkannte, der mit ihm und der lustigen Gesellschaft jene Wasserfahrt gemacht
hatte; er glich dem Abbé, ob er gleich nicht dieselbe Person schien. Mit einem
heitern Gesichte und einem würdigen Ausdruck fing der Mann an: »Nicht vor Irrtum
zu bewahren, ist die Pflicht des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu
leiten, ja ihn seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist
Weisheit der Lehrer. Wer seinen Irrtum nur kostet, hält lange damit haus, er
freut sich dessen als eines seltenen Glücks, aber wer ihn ganz erschöpft, der
muss ihn kennen lernen, wenn er nicht wahnsinnig ist.« Der Vorhang schloss sich
abermals, und Wilhelm hatte Zeit, nachzudenken. »Von welchem Irrtum kann der
Mann sprechen«, sagte er zu sich selbst, »als von dem, der mich mein ganzes
Leben verfolgt hat, dass ich da Bildung suchte, wo keine zu finden war, dass ich
mir einbildete, ein Talent erwerben zu können, zu dem ich nicht die geringste
Anlage hatte!«
    Der Vorhang riss sich schneller auf, ein Offizier trat hervor und sagte nur
im Vorbeigehen: »Lernen Sie die Menschen kennen, zu denen man Zutrauen haben
kann!« Der Vorhang schloss sich, und Wilhelm brauchte sich nicht lange zu
besinnen, um diesen Offizier für denjenigen zu erkennen, der ihn in des Grafen
Park umarmt hatte und schuld gewesen war, dass er Jarno für einen Werber hielt.
Wie dieser hierher gekommen und wer er sei, war Wilhelmen völlig ein Rätsel. -
»Wenn so viele Menschen an dir teilnahmen, deinen Lebensweg kannten und wussten,
was darauf zu tun sei, warum führten sie dich nicht strenger? warum nicht
ernster? warum begünstigten sie deine Spiele, anstatt dich davon wegzuführen?«
    »Rechte nicht mit uns!« rief eine Stimme; »du bist gerettet, und auf dem
Wege zum Ziel. Du wirst keine deiner Torheiten bereuen und keine zurückwünschen
