 zusammen in jener unglücklichen Nacht versprach, da wir beraubt, krank,
verletzt und verwundet in eine elende Schenke zusammengedrängt waren. Wie
erhöhte damals das Unglück meinen Mut, und welchen Schatz glaubte ich in meinem
guten Willen zu finden; nun ist aus allem dem nichts, gar nichts geworden! Ich
verlasse Sie als Ihr Schuldner, und mein Glück ist, dass man mein Versprechen
nicht mehr achtete, als es wert war, und dass niemand mich jemals deshalb gemahnt
hat.«
    »Sein Sie nicht ungerecht gegen sich selbst!« versetzte Frau Melina; »wenn
niemand erkennt, was Sie für uns getan hatten, so werde ich es nicht verkennen;
denn unser ganzer Zustand wäre völlig anders, wenn wir Sie nicht besessen
hätten. Geht es doch unsern Vorsätzen wie unsern Wünschen: sie sehen sich gar
nicht mehr ähnlich, wenn sie ausgeführt, wenn sie erfüllt sind, und wir glauben
nichts getan, nichts erlangt zu haben.«
    »Sie werden«, versetzte Wilhelm, »durch Ihre freundschaftliche Auslegung
mein Gewissen nicht beruhigen, und ich werde mir immer als Ihr Schuldner
vorkommen.«
    »Es ist auch wohl möglich, dass Sie es sind«, versetzte Madame Melina, »nur
nicht auf die Art, wie Sie es denken. Wir rechnen uns zur Schande, ein
Versprechen nicht zu erfüllen, das wir mit dem Munde getan haben. O, mein
Freund, ein guter Mensch verspricht durch seine Gegenwart nur immer zu viel! Das
Vertrauen, das er hervorlockt, die Neigung, die er einflößt, die Hoffnungen, die
er erregt, sind unendlich; er wird und bleibt ein Schuldner, ohne es zu wissen.
Leben Sie wohl! Wenn unsere äußeren Umstände sich unter Ihrer Leitung recht
glücklich hergestellt haben, so entsteht in meinem Innern durch Ihren Abschied
eine Lücke, die sich so leicht nicht wieder ausfüllen wird.«
    Wilhelm schrieb vor seiner Abreise aus der Stadt noch einen weitläufigen
Brief an Wernern. Sie hatten zwar einige Briefe gewechselt, aber weil sie nicht
einig werden konnten, hörten sie zuletzt auf zu schreiben. Nun hatte sich
Wilhelm wieder genähert; er war im Begriff, dasjenige zu tun, was jener so sehr
wünschte, er konnte sagen: »Ich verlasse das Theater und verbinde mich mit
Männern, deren Umgang mich in jedem Sinne zu einer reinen und sichern Tätigkeit
führen muss.« Er erkundigte sich nach seinem Vermögen, und es schien ihm nunmehr
sonderbar, dass er so lange sich nicht darum bekümmert hatte. Er wusste nicht, dass
es die Art aller der Menschen sei, denen an ihrer innern Bildung viel gelegen
ist, dass sie die äußeren Verhältnisse ganz und gar vernachlässigen. Wilhelm
hatte sich in diesem Falle befunden; er schien
