 Irrtum gewahr
werde und, wenn er das getroffen hat, was für ihn passt, desto eifriger daran
halte und sich desto emsiger fortbilde. Ich wünsche, dass dieser sonderbare
Versuch gelingen möge; bei so guten Naturen ist es vielleicht möglich.
    Aber das, was ich nicht an diesen Erziehern billigen kann, ist, dass sie
alles von den Kindern zu entfernen suchen, was sie zu dem Umgange mit sich
selbst und mit dem unsichtbaren, einzigen treuen Freunde führen könne. Ja, es
verdriesst mich oft von dem Oheim, dass er mich deshalb für die Kinder für
gefährlich hält. Im Praktischen ist doch kein Mensch tolerant! Denn wer auch
versichert, dass er jedem seine Art und Wesen gerne lassen wolle, sucht doch
immer diejenigen von der Tätigkeit auszuschliessen, die nicht so denken wie er.
    Diese Art, die Kinder von mir zu entfernen, betrübt mich desto mehr, je mehr
ich von der Realität meines Glaubens überzeugt sein kann. Warum sollte er nicht
einen göttlichen Ursprung, nicht einen wirklichen Gegenstand haben, da er sich
im Praktischen so wirksam erweist? Werden wir durchs Praktische doch unseres
eigenen Daseins selbst erst recht gewiss, warum sollten wir uns nicht auch auf
eben dem Wege von jenem Wesen überzeugen können, das uns zu allem Guten die Hand
reicht?
    Dass ich immer vorwärts, nie rückwärts gehe, dass meine Handlungen immer mehr
der Idee ähnlich werden, die ich mir von der Vollkommenheit gemacht habe, dass
ich täglich mehr Leichtigkeit fühle, das zu tun, was ich für recht halte, selbst
bei der Schwäche meines Körpers, der mir so manchen Dienst versagt: lässt sich
das alles aus der menschlichen Natur, deren Verderben ich so tief eingesehen
habe, erklären? Für mich nun einmal nicht.
    Ich erinnere mich kaum eines Gebotes, nichts erscheint mir in Gestalt eines
Gesetzes, es ist ein Trieb, der mich leitet und mich immer recht führt; ich
folge mit Freiheit meinen Gesinnungen und weiß so wenig von Einschränkung als
von Reue. Gott sei Dank, dass ich erkenne, wem ich dieses Glück schuldig bin und
dass ich an diese Vorzüge nur mit Demut denken darf. Denn niemals werde ich in
Gefahr kommen, auf mein eigenes Können und Vermögen stolz zu werden, da ich so
deutlich erkannt habe, welch Ungeheuer so in jedem menschlichen Busen, wenn eine
höhere Kraft uns nicht bewahrt, sich erzeugen und nähren könne.
 
                                 Siebentes Buch
                                  Erstes Kapitel
Der Frühling war in seiner völligen Herrlichkeit erschienen; ein frühzeitiges
Gewitter, das den ganzen Tag gedrohet hatte, ging stürmisch an den Bergen
nieder, der Regen zog nach dem Lande, die Sonne trat wieder in ihrem Glanze
hervor, und auf dem grauen Grunde erschien der herrliche Bogen. Wilhelm ritt ihm
entgegen
