 nicht schuld, sondern die verwickelte Lage, in der sie sich befinden
und in der sie sich nicht zu regieren wissen. So werden Sie zum Beispiel im
Durchschnitt weniger üble Wirte auf dem Lande als in den Städten finden, und
wieder in kleinen Städten weniger als in großen; und warum? Der Mensch ist zu
einer beschränkten Lage geboren; einfache, nahe, bestimmte Zwecke vermag er
einzusehen, und er gewöhnt sich, die Mittel zu benutzen, die ihm gleich zur Hand
sind; sobald er aber ins Weite kommt, weiß er weder, was er will, noch was er
soll, und es ist ganz einerlei, ob er durch die Menge der Gegenstände zerstreut
oder ob er durch die Höhe und Würde derselben außer sich gesetzt werde. Es ist
immer sein Unglück, wenn er veranlasst wird, nach etwas zu streben, mit dem er
sich durch eine regelmälssige Selbsttätigkeit nicht verbinden kann.
    Fürwahr«, fuhr er fort, »ohne Ernst ist in der Welt nichts möglich, und
unter denen, die wir gebildete Menschen nennen, ist eigentlich wenig Ernst zu
finden; sie gehen, ich möchte sagen, gegen Arbeiten und Geschäfte, gegen Künste,
ja gegen Vergnügungen nur mit einer Art von Selbstverteidigung zu Werke, man
lebt, wie man ein Pack Zeitungen liest, nur damit man sie loswerde, und es fällt
mir dabei jener junge Engländer in Rom ein, der abends in einer Gesellschaft
sehr zufrieden erzählte, dass er doch heute sechs Kirchen und zwei Galerien
beiseitegebracht habe. Man will mancherlei wissen und kennen, und gerade das,
was einen am wenigsten angeht, und man bemerkt nicht, dass kein Hunger dadurch
gestillt wird, wenn man nach der Luft schnappt. Wenn ich einen Menschen kennen
lerne, frage ich sogleich, womit beschäftigt er sich? und wie? und in welcher
Folge? und mit der Beantwortung der Frage ist auch mein Interesse an ihm auf
zeitlebens entschieden.«
    »Sie sind, lieber Oheim«, versetzte ich darauf, »vielleicht zu strenge und
entziehen manchem guten Menschen, dem Sie nützlich sein könnten, Ihre hülfreiche
Hand.«
    »Ist es dem zu verdenken«, antwortete er, »der so lange vergebens an ihnen
und um sie gearbeitet hat? Wie sehr leidet man nicht in der Jugend von Menschen,
die uns zu einer angenehmen Lustpartie einzuladen glauben, wenn sie uns in die
Gesellschaft der Danaiden oder des Sisyphus zu bringen versprechen. Gott sei
Dank, ich habe mich von ihnen losgemacht, und wenn einer unglücklicherweise in
meinen Kreis kommt, suche ich ihn auf die höflichste Art
hinauszukomplimentieren; denn gerade von diesen Leuten hört man die bittersten
Klagen über den verworrenen Lauf der Weltändel, über die Seichtigkeit der
Wissenschaften, über den
