
hinderte, meine heiligsten, liebsten Pflichten zu erfüllen, oder mir doch ihre
Ausübung äußerst beschwerlich machte.
    Nun konnte ich mich prüfen, ob auf dem Wege, den ich eingeschlagen, Wahrheit
oder Phantasie sei, ob ich vielleicht nur nach andern gedacht, oder ob der
Gegenstand meines Glaubens eine Realität habe, und zu meiner größten
Unterstützung fand ich immer das letztere. Die gerade Richtung meines Herzens zu
Gott, den Umgang mit den »beloved ones« hatte ich gesucht und gefunden, und das
war, was mir alles erleichterte. Wie der Wanderer in den Schatten, so eilte
meine Seele nach diesem Schutzort, wenn mich alles von außen drückte, und kam
niemals leer zurück.
    In der neueren Zeit haben einige Verfechter der Religion, die mehr Eifer als
Gefühl für dieselbe zu haben scheinen, ihre Mitgläubigen aufgefordert, Beispiele
von wirklichen Gebetserhörungen bekannt zu machen, wahrscheinlich weil sie sich
Brief und Siegel wünschten, um ihren Gegnern recht diplomatisch und juristisch
zu Leibe zu gehen. Wie unbekannt muss ihnen das wahre Gefühl sein, und wie wenig
echte Erfahrungen mögen sie selbst gemacht haben!
    Ich darf sagen, ich kam nie leer zurück, wenn ich unter Druck und Not Gott
gesucht hatte. Es ist unendlich viel gesagt, und doch kann und darf ich nicht
mehr sagen. So wichtig jede Erfahrung in dem kritischen Augenblicke für mich
war, so matt, so unbedeutend, unwahrscheinlich würde die Erzählung werden, wenn
ich einzelne Fälle anführen wollte. Wie glücklich war ich, dass tausend kleine
Vorgänge zusammen, so gewiss als das Atemholen Zeichen meines Lebens ist, mir
bewiesen, dass ich nicht ohne Gott auf der Welt sei! Er war mir nahe, ich war vor
ihm. Das ist's, was ich mit geflissentlicher Vermeidung aller theologischen
Systemsprache mit größter Wahrheit sagen kann.
    Wie sehr wünschte ich, dass ich mich auch damals ganz ohne System befunden
hätte; aber wer kommt früh zu dem Glücke, sich seines eignen Selbsts, ohne
fremde Formen, in reinem Zusammenhang bewusst zu sein? Mir war es Ernst mit
meiner Seligkeit. Bescheiden vertraute ich fremdem Ansehen; ich ergab mich völlig
dem Hallischen Bekehrungssystem, und mein ganzes Wesen wollte auf keine Wege
hineinpassen.
    Nach diesem Lehrplan muss die Veränderung des Herzens mit einem tiefen
Schrecken über die Sünde anfangen; das Herz muss in dieser Not bald mehr, bald
weniger die verschuldete Strafe erkennen und den Vorschmack der Hölle kosten,
der die Lust der Sünde verbittert. Endlich muss man eine sehr merkliche
Versicherung der Gnade fühlen, die aber im Fortgange sich oft versteckt und mit
Ernst wieder gesucht werden muss.
    Das alles traf bei mir weder nahe noch ferne zu. Wenn ich Gott aufrichtig
suchte, so ließ er sich finden und hielt mir
