
Schwierigkeiten in den Weg legt und worüber ich einen denkenden Arzt zu Rate
ziehe, finde ich die Mittel, vom Wahnsinne zu heilen, sehr einfach. Es sind
ebendieselben, wodurch man gesunde Menschen hindert, wahnsinnig zu werden. Man
errege ihre Selbsttätigkeit, man gewöhne sie an Ordnung, man gebe ihnen einen
Begriff, dass sie ihr Sein und Schicksal mit so vielen gemein haben, dass das
außerordentliche Talent, das größte Glück und das höchste Unglück nur kleine
Abweichungen von dem Gewöhnlichen sind, so wird sich kein Wahnsinn
einschleichen, und, wenn er da ist, nach und nach wieder verschwinden. Ich habe
des alten Mannes Stunden eingeteilt, er unterrichtet einige Kinder auf der
Harfe, er hilft im Garten arbeiten und ist schon viel heiterer. Er wünscht von
dem Kohle zu genießen, den er pflanzt, und wünscht meinen Sohn, dem er die Harfe
auf den Todesfall geschenkt hat, recht emsig zu unterrichten, damit sie der
Knabe ja auch brauchen könne. Als Geistlicher suchte ich ihm über seine
wunderbaren Skrupel nur wenig zu sagen, aber ein tätiges Leben führt so viele
Ereignisse herbei, dass er bald fühlen muss, dass jede Art von Zweifel nur durch
Wirksamkeit gehoben werden kann. Ich gehe sachte zu Werke; wenn ich ihm aber
noch seinen Bart und seine Kutte wegnehmen kann, so habe ich viel gewonnen; denn
es bringt uns nichts näher dem Wahnsinn, als wenn wir uns vor andern
auszeichnen, und nichts erhält so sehr den gemeinen Verstand, als im allgemeinen
Sinne mit vielen Menschen zu leben. Wie vieles ist leider nicht in unserer
Erziehung und in unsern bürgerlichen Einrichtungen, wodurch wir uns und unsere
Kinder zur Tollheit vorbereiten!«
    Wilhelm verweilte bei diesem vernünftigen Manne einige Tage und erfuhr die
interessantesten Geschichten, nicht allein von verrückten Menschen, sondern auch
von solchen, die man für klug, ja für weise zu halten pflegt, und deren
Eigentümlichkeiten nahe an den Wahnsinn grenzen.
    Dreifach belebt aber ward die Unterhaltung, als der Medikus eintrat, der den
Geistlichen, seinen Freund, öfters zu besuchen und ihm bei seinen
menschenfreundlichen Bemühungen beizustehen pflegte. Es war ein ältlicher Mann,
der bei einer schwächlichen Gesundheit viele Jahre in Ausübung der edelsten
Pflichten zugebracht hatte. Er war ein großer Freund vom Landleben und konnte
fast nicht anders als in freier Luft sein; dabei war er äußerst gesellig und
tätig und hatte seit vielen Jahren eine besondere Neigung, mit allen
Landgeistlichen Freundschaft zu stiften. Jedem, an dem er eine nützliche
Beschäftigung kannte, suchte er auf alle Weise beizustehen; andern, die noch
unbestimmt waren, suchte er eine Liebhaberei einzureden; und da er zugleich mit
den Edelleuten, Amtmännern und Gerichtshaltern in Verbindung stand, so hatte er
in Zeit von zwanzig Jahren sehr
