 geneigt, sich mit dem Gemeinsten
abzugeben, Geist und Sinne stumpfen sich so leicht gegen die Eindrücke des
Schönen und Vollkommnen ab, dass man die Fähigkeit, es zu empfinden, bei sich auf
alle Weise erhalten sollte. Denn einen solchen Genuss kann niemand ganz
entbehren, und nur die Ungewohnteit, etwas Gutes zu genießen, ist Ursache, dass
viele Menschen schon am Albernen und Abgeschmackten, wenn es nur neu ist,
Vergnügen finden. Man sollte«, sagte er, »alle Tage wenigstens ein kleines Lied
hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es
möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.«
    Bei diesen Gesinnungen, die Serlo gewissermaßen natürlich waren, konnte es
den Personen, die ihn umgaben, nicht an angenehmer Unterhaltung fehlen. Mitten
in diesem vergnüglichen Zustande brachte man Wilhelmen eines Tags einen
schwarzgesiegelten Brief. Werners Petschaft deutete auf eine traurige Nachricht,
und er erschrak nicht wenig, als er den Tod seines Vaters nur mit einigen Worten
angezeigt fand. Nach einer unerwarteten kurzen Krankheit war er aus der Welt
gegangen und hatte seine häuslichen Angelegenheiten in der besten Ordnung
hinterlassen.
    Diese unvermutete Nachricht traf Wilhelmen im Innersten. Er fühlte tief, wie
unempfindlich man oft Freunde und Verwandte, solange sie sich mit uns des
irdischen Aufenthaltes erfreuen, vernachlässigt und nur dann erst die Versäumnis
bereut, wenn das schöne Verhältnis wenigstens für diesmal aufgehoben ist. Auch
konnte der Schmerz über das zeitige Absterben des braven Mannes nur durch das
Gefühl gelindert werden, dass er auf der Welt wenig geliebt, und durch die
Überzeugung, dass er wenig genossen habe.
    Wilhelms Gedanken wandten sich nun bald auf seine eigenen Verhältnisse, und
er fühlte sich nicht wenig beunruhigt. Der Mensch kann in keine gefährlichere
Lage versetzt werden, als wenn durch äußere Umstände eine große Veränderung
seines Zustandes bewirkt wird, ohne dass seine Art zu empfinden und zu denken
darauf vorbereitet ist. Es gibt alsdann eine Epoche ohne Epoche, und es entsteht
nur ein desto größerer Widerspruch, je weniger der Mensch bemerkt, dass er zu dem
neuen Zustande noch nicht ausgebildet sei.
    Wilhelm sah sich in einem Augenblicke frei, in welchem er mit sich selbst
noch nicht einig werden konnte. Seine Gesinnungen waren edel, seine Absichten
lauter, und seine Vorsätze schienen nicht verwerflich. Das alles durfte er sich
mit einigem Zutrauen selbst bekennen; allein er hatte Gelegenheit genug gehabt,
zu bemerken, dass es ihm an Erfahrung fehle, und er legte daher auf die Erfahrung
anderer und auf die Resultate, die sie daraus mit Überzeugung ableiteten, einen
übermäßigen Wert und kam dadurch nur immer mehr in die Irre. Was ihm fehlte,
glaubte er am ersten zu erwerben, wenn er alles Denkwürdige, was ihm in
