 erregt und entwickelt
wird. Denn wahrhaftig«, fuhr sie fort, »von außen kommt nichts in Sie hinein;
ich habe nicht leicht jemanden gesehen, der die Menschen, mit denen er lebt, so
wenig kennt, so von Grund aus verkennt wie Sie. Erlauben Sie mir, es zu sagen:
wenn man Sie Ihren Shakespeare erklären hört, glaubt man, Sie kämen eben aus dem
Rate der Götter und hätten zugehört, wie man sich daselbst beredet, Menschen zu
bilden; wenn Sie dagegen mit Leuten umgehen, seh' ich in Ihnen gleichsam das
erste, grossgeborne Kind der Schöpfung das mit sonderlicher Verwunderung und
erbaulicher Gutmütigkeit Löwen und Affen, Schafe und Elefanten anstaunt und sie
treuherzig als seinesgleichen anspricht, weil sie eben auch da sind und sich
bewegen.«
    »Die Ahnung meines schülerhaften Wesens, werte Freundin«, versetzte er, »ist
mir öfters lästig, und ich werde Ihnen danken, wenn Sie mir über die Welt zu
mehrerer Klarheit verhelfen wollen. Ich habe von Jugend auf die Augen meines
Geistes mehr nach innen als nach außen gerichtet, und da ist es sehr natürlich,
dass ich den Menschen bis auf einen gewissen Grad habe kennen lernen, ohne die
Menschen im mindesten zu verstehen und zu begreifen.«
    »Gewiss«, sagte Aurelie, »ich hatte Sie anfangs in Verdacht, als wollten Sie
uns zum besten haben, da Sie von den Leuten, die Sie meinem Bruder zugeschickt
haben, so manches Gute sagten, wenn ich Ihre Briefe mit den Verdiensten dieser
Menschen zusammenhielt.«
    Die Bemerkung Aureliens, so wahr sie sein mochte, und so gern ihr Freund
diesen Mangel bei sich gestand, führte doch etwas Drückendes, ja sogar
Beleidigendes mit sich, dass er still ward und sich zusammennahm, teils um keine
Empfindlichkeit merken zu lassen, teils in seinem Busen nach der Wahrheit dieses
Vorwurfs zu forschen.
    »Sie dürfen nicht darüber betreten sein«, fuhr Aurelie fort; »zum Lichte des
Verstandes können wir immer gelangen; aber die Fülle des Herzens kann uns
niemand geben. Sind Sie zum Künstler bestimmt, so können Sie diese Dunkelheit
und Unschuld nicht lange genug bewahren; sie ist die schöne Hülle über der
jungen Knospe; Unglücks genug, wenn wir zu früh herausgetrieben werden. Gewiss,
es ist gut, wenn wir die nicht immer kennen, für die wir arbeiten.
    O! ich war auch einmal in diesem glücklichen Zustande, als ich mit dem
höchsten Begriff von mir selbst und meiner Nation die Bühne betrat. Was waren
die Deutschen nicht in meiner Einbildung, was konnten sie nicht sein! Zu dieser
Nation sprach ich, über die mich ein kleines Gerüst erhob, von welcher mich eine
Reihe Lampen trennte, deren Glanz und
