 dem
größten Beifall aufgenommen, und als Philine aus dem geheimen Archiv ihrer
Erfahrungen einige besondere Liebeserklärungen, die an sie geschehen waren,
vorbrachte, wusste man sich vor Lachen und Schadenfreude kaum zu lassen.
    Wilhelm schalt ihre Undankbarkeit; allein man setzte ihm entgegen, dass sie
das, was sie dort erhalten, genugsam abverdient, und dass überhaupt das Betragen
gegen so verdienstvolle Leute, wie sie sich zu sein rühmten, nicht das beste
gewesen sei. Nun beschwerte man sich, mit wie wenig Achtung man ihnen begegnet,
wie sehr man sie zurückgesetzt habe. Das Spotten, Necken und Nachahmen ging
wieder an, und man ward immer bitterer und ungerechter.
    »Ich wünschte«, sagte Wilhelm darauf, »dass durch eure Äußerungen weder Neid
noch Eigenliebe durchschiene, und dass ihr jene Personen und ihre Verhältnisse
aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtet. Es ist eine eigene Sache, schon durch
die Geburt auf einen erhabenen Platz in der menschlichen Gesellschaft gesetzt zu
sein. Wem ererbte Reichtümer eine vollkommene Leichtigkeit des Daseins
verschafft haben, wer sich, wenn ich mich so ausdrücken darf, von allem Beiwesen
der Menschheit von Jugend auf reichlich umgeben findet, gewöhnt sich meist,
diese Güter als das Erste und Größte zu betrachten, und der Wert einer von der
Natur schön ausgestatteten Menschheit wird ihm nicht so deutlich. Das Betragen
der Vornehmen gegen Geringere und auch untereinander ist nach äußern Vorzügen
abgemessen; sie erlauben jedem, seinen Titel, seinen Rang, seine Kleider und
Equipage, nur nicht seine Verdienste geltend zu machen.«
    Diesen Worten gab die Gesellschaft einen unmässigen Beifall. Man fand
abscheulich, dass der Mann von Verdienst immer zurückstehen müsse, und dass in der
großen Welt keine Spur von natürlichem und herzlichem Umgang zu finden sei. Sie
kamen besonders über diesen Punkt aus dem Hundertsten ins Tausendste.
    »Scheltet sie nicht darüber«, rief Wilhelm aus, »bedauert sie vielmehr! Denn
von jenem Glück, das wir als das höchste erkennen, das aus dem innern Reichtum
der Natur fließt, haben sie selten eine erhöhte Empfindung. Nur uns Armen, die
wir wenig oder nichts besitzen, ist es gegönnt, das Glück der Freundschaft in
reichem Masse zu genießen. Wir können unsre Geliebten weder durch Gnade erheben,
noch durch Gunst befördern, noch durch Gedanken beglücken. Wir haben nichts als
uns selbst. Dieses ganze Selbst müssen wir hingeben und, wenn es einigen Wert
haben soll, dem Freunde das Gut auf ewig versichern. Welch ein Genuss, welch ein
Glück für den Geber und Empfänger! In welchen seligen Zustand versetzt uns die
Treue! sie gibt dem vorübergehenden Menschenleben eine himmlische Gewissheit; sie
macht das Hauptkapital unsers Reichtums aus.«
    Mignon hatte sich ihm unter diesen Worten genähert, schlang ihre zarten
