 Vorgefühle, die ich jemals über Menschheit
und ihre Schicksale gehabt, die mich von Jugend auf, mir selbst unbemerkt,
begleiteten, finde ich in Shakespeares Stücken erfüllt und entwickelt. Es
scheint, als wenn er uns alle Rätsel offenbarte, ohne dass man doch sagen kann:
hier oder da ist das Wort der Auflösung. Seine Menschen scheinen natürliche
Menschen zu sein, und sie sind es doch nicht. Diese geheimnisvollsten und
zusammengesetztesten Geschöpfe der Natur handeln vor uns in seinen Stücken, als
wenn sie Uhren wären, deren Zifferblatt und Gehäuse man von Kristall gebildet
hätte, sie zeigen nach ihrer Bestimmung den Lauf der Stunden an, und man kann
zugleich das Räder- und Federwerk erkennen, das sie treibt. Diese wenigen
Blicke, die ich in Shakespeares Welt getan, reizen mich mehr als irgend etwas
andres, in der wirklichen Welt schnellere Fortschritte vorwärts zu tun, mich in
die Flut der Schicksale zu mischen, die über sie verhängt sind, und dereinst,
wenn es mir glücken sollte, aus dem großen Meere der wahren Natur wenige Becher
zu schöpfen und sie von der Schaubühne dem lechzenden Publikum meines
Vaterlandes auszuspenden.«
    »Wie freut mich die Gemütsverfassung, in der ich Sie sehe«, versetzte Jarno
und legte dem bewegten Jüngling die Hand auf die Schulter. »Lassen Sie den
Vorsatz nicht fahren, in ein tätiges Leben überzugehen, und eilen Sie, die guten
Jahre, die Ihnen gegönnt sind, wacker zu nutzen. Kann ich Ihnen behilflich sein,
so geschieht es von ganzem Herzen. Noch habe ich nicht gefragt, wie Sie in diese
Gesellschaft gekommen sind, für die Sie weder geboren noch erzogen sein können.
So viel hoffe ich und sehe ich, dass Sie sich heraussehnen. Ich weiß nichts von
Ihrer Herkunft, von Ihren häuslichen Umständen; überlegen Sie, was Sie mir
vertrauen wollen. So viel kann ich Ihnen nur sagen, die Zeiten des Krieges, in
denen wir leben, können schnelle Wechsel des Glückes hervorbringen; mögen Sie
Ihre Kräfte und Talente unserm Dienste widmen, Mühe und, wenn es not tut, Gefahr
nicht scheuen, so habe ich eben jetzo eine Gelegenheit, Sie an einen Platz zu
stellen, den eine Zeitlang bekleidet zu haben Sie in der Folge nicht gereuen
wird.« Wilhelm konnte seinen Dank nicht genug ausdrücken und war willig, seinem
Freunde und Beschützer die ganze Geschichte seines Lebens zu erzählen.
    Sie hatten sich unter diesem Gespräche weit in den Park verloren und waren
auf die Landstraße, welche durch denselben ging, gekommen. Jarno stand einen
Augenblick still und sagte: »Bedenken Sie meinen Vorschlag, entschließen Sie
sich, geben Sie mir in einigen Tagen Antwort und schenken Sie mir Ihr Vertrauen.
Ich versichre Sie, es ist mir
