 Dieser Wunsch verschlang alle übrigen.
    Aengstlich strengte ich meine ganze Erfindsamkeit an, mir einen Ausweg zu
suchen; mühsam bot ich alle Seelenkräfte auf, hier meiner Leidenschaft zu Hilfe
zu kommen. Meine Kraft versiegte - der Mensch, der mit seiner Stirn einen Felsen
fortbewegen will - was ist er anders als ein Tor? - Zweklos seine Kräfte
verschwenden ist Sünde, und die Natur lässt keine derselben ungerochen. Eine
finstere Schwermut überfiel mich. Zu spät wollte ich mit meinem Gram
vernünfteln; ich geriet mit mir selbst und mit der ganzen Welt in Streit. Alle
meine Bilder von Glückseeligkeit hatten die schimmernde Folie, die ihnen
unterlag, verloren, und weil ich auf einen Misston stieß, so war ich eben so
bereitwillig, dem Leben alle die entzükkenden Harmonien abzusprechen, die ich im
süßen Taumel froher Empfindungen ihm so überschwenglich zugeteilt hatte.
    Meine gesunde Vernunft und eine glückliche Organisation retteten mich endlich
aus einem Zustande, der bei so glühender Einbildungskraft und so auflodernden
Gefühlen leicht hätte gefährlich werden können. Ich verließ den Ort, der so
entscheidend auf mich gewürkt hatte. Mit jedem Tage lernte ich die wirkliche
Welt näher kennen, wurde vertrauter mit den Spielen des gesellschaftlichen
Lebens. Unvermerkt ward ich aus dem Beobachtenden zum Mitandelnden; und die
neuen Erfahrungen, die ich machte, zerstreuten mich täglich mehr. Ich fühlte es
- der Mensch muss handeln. Die wirkliche Übung seiner Kräfte ist für sein
Wohlbefinden unentbehrlich. Wir gehören der Sinnenwelt eben sowohl an, als dem
Gebiete der Geister. - Ein beschädigtes Organ - kann es nicht die Göttlichkeit
des hellsten Verstandes besiegen, und mit einem Stükchen Gehirn - einem Menschen
der ganze gesammelte Vorrat einer Wissenschaft verloren gehen? Unsere Begriffe
schöpfen den Stoff aus der Sinnenwelt, den unser Geist verarbeitet, und den wir
in unserm Lebensplan mitzuberechnen nicht vergessen dürfen; und nur der darf
hoffen, den Zwek der Natur erfüllt und sich für einen bessern Zustand erzogen zu
haben, der alles erfüllt, was ihm der jezzige auflegt, alle Kräfte übt, und ganz
das ist, was er sein kann.
    Das Gewebe der wirklichen Welt umschlang mich unvermerkt immer fester, und
die mannichfaltigen Bilder, die sich vor meine Seele drängten, gewannen mit
jedem Tage der Schwermut einen neuen Sieg ab. Mein Herz erwärmte sich von neuem
an dem Feuer einer allgemeinen tätigen Menschenliebe; meine Kräfte versuchten
und stärkten sich im Umgange mit Menschen, und das Morgenlicht der Jugend
überzog von neuem alle Gegenstände mit seinem rosenfarbenen Schimmer. Damals
geriet ich in einen Umgang, welcher mir eine neue Quelle von Seeligkeiten
auftat. Ich kenne die Natur des Zaubers nicht, der mich zuerst so
unwiderstehlich an Lorenzo fesselte, aber ich habe seine Wirkung empfunden. Oft
wies er mich unfreundlich zurück, oft verachtete er
