 ich seiner weniger - denn alles wandelt - und kein Schmerz
vermag dem stillen unbemerkten Einfluss schwindender Minuten zu widerstehen. Aber
schneller und allumfassender tröstet Liebe, lehrt Liebe alles vergessen. Jede
andere Leidenschaft wird von ihr besiegt, - und die Forderungen der engsten
übrigen Verhältnisse verhallen in diesem allgewaltigen Gesange der Empfindungen.
Wir lebten wieder auf. Eine liebliche Beleuchtung umfloss von neuem die zarten
Umrisse unsrer Lebensfreuden. Näher und mit jedem Tage näher und inniger
vereinigte diese glückliche Zusammenstimmung unsre Empfindungen und unsre
Grundsäzze. Welch ein unerschöpflicher und unermüdender Genuss liegt in dem
innigen Umgange zweier so vertrauten, so nahe verwandten Menschen! - Damals
verlangte ein Freund, mit dem mich gegenseitige Achtung mehr als Neigung
verband, meine Gegenwart wegen einer dringenden Angelegenheit. Das, was er mir
zu sagen hatte, war wirklich für mich von der äußersten Wichtigkeit: Er entdekte
mir, dass Nanettens Bruder ihren Aufenthalt erfahren, dass er von Mächtigen
unterstüzt, seine Rechte auf sie gerichtlich geltend zu machen gesucht, dass man
daran arbeite, sich ihrer Person zu versichern, und dass auch unser Umgang wegen
der Verschiedenheit unsrer Religionen uns bald gänzlich untersagt werden würde.
Die Gefahr war dringend; das Ungewitter schwebte über unsern Häuptern, - noch
ein Windstoß - und es verschlang uns. Ein unwiderstehliches Missbehagen an meiner
bürgerlichen Lage übermannte mich. Mir graute vor den gesezlichen Formen, die so
vieler Ungerechtigkeit den Weg offen lassen, - ich dürstete nach einem freiern
lebendigern Genuss meiner Existenz. Auf einmal durchblizte ein Gedanke meinen
Kopf - ein Gedanke, vor dessen Kühnheit ich zuerst zurückschrak. Doch bald ward
ich mit ihm vertrauter. Ich wog die Möglichkeit - die Schaale sank. Es glühte
mir durch alle Adern, und mein Entschluss stand fest. Mit einer Eile, die sich
selbst überflog, mit einer Herzensfülle, die den einzigen Weg, sich Luft zu
schaffen, die Sprache, beinah unmöglich machte, eilte ich zu Nanetten. Das
Ungewöhnliche meines Ansehens befremdete sie, und ich erwartete nicht erst die
Äußerung des Wunsches, den ich in ihrer Seele werden sah. Kürzlichst
unterrichtete ich sie von allem. Dann schloss ich sie glühend in meine Arme.
Nanette, Geliebte, rief ich mit dem vollen Tone der Liebe, wir sind uns
Vaterland und Welt. Was hält uns hier unter Menschen, die uns nicht verstehen,
nicht lieben? Ohne Hass lass uns sie fliehen. In Amerika leuchtet eine eben so
freundliche Sonne, stralt ein eben so reiner Himmel. Dort wohnt ein freies Volk,
dort freut der Genius der Menschheit sich wieder seiner Rechte, dort lassen die
neuen glücklichen Verhältnisse eines jugendlichen Staates noch lange keine
widrige Reform befürchten. Lass uns dahin! - Alles, was du vielleicht bei dem
Tausche zu verlieren glaubst, soll
