 eifriger Katholik war zwischen Lorenzo und seiner
Tochter an keine Verbindung zu denken. Die Liebe für sein Kind schüzte er als
Bewegungsgrund vor. - Aber das dünkte ihm noch nicht genug. Er stellte ihm die
Hülflosigkeit seiner Lage mit einer Schärfe vor Augen, die den Unglücklichen auf
die Folter spannte, und auch den ferneren Umgang mit Luisen untersagte er ihm.
Lorenzo erlag unter der Last dieser Vorstellung. Eine fürchterliche
Mutlosigkeit lähmte alle Kräfte seines Geistes. Er wollte an seine Rettung
keinen Versuch mehr wagen. Alle Ansprüche andrer auf ihn schienen ihm erlassen,
so wie seine eignen Rechte auf Glük unwiederbringlich vernichtet. Für ihn gab es
keinen Beschüzzer in den Wolken, er hielt es für einen kindischen Stolz der
Menschen, einen Gott zu glauben, der jeden ihrer Tage bewachte und mit eignen
Händen die kleinsten Begegnisse ihres Lebens bildete und lenkte. Er sah nur den
einsamen unabänderlichen Gang eines unbezwinglichen Schiksals, das über
Menschenleben und Menschenglück, wie über zerschlagne Fluren und erdrückte
Würmchen zu unerforschten Planen, die kein menschliches Auge zu erreichen
vermag, - dahinschreitet, und die Natur mit allen ihren Erscheinungen und den
Menschen mit allem seinen Willen, darin aufnimmt und berechnet. Aufopferung
einzelner Teile zu höheren Zwekken fürs Ganze, glaubte er, sei ein allenthalben
befolgtes Gesez. Er hasste jene eigennüzzige Tugend, die den Himmel um seine
Kronen zu betrügen strebt, und für die Aussicht eines überschwenglichen Lohnes
geduldig mitten im Jammer der Erde weilt. Der edlere Mensch findet seinen Lohn
schon hier, einen gegenwärtigen, selbstgemessenen, selbsterworbenen Lohn. So
hatte Leidenschaft sich in das ehrwürdige Gewand eines Systems gehüllt, und bei
dem schreklichen Zusammenklang seiner Neigung und seiner Grundsäzze wuchs und
gedieh der blutige Entschluss bis zur Ausführung.
    Was ich jetzt empfand, als ich Lorenzo's Ideen Gang, alles was er erlitten,
nun so ganz im Zusammenhange übersah, das ist vielleicht das größte Unglück eines
fühlenden Wesens. Die fürchterlichsten Zweifel an allem, was den Menschen
wichtig ist, zerrütteten meine Ruhe. Ich hatte bis jetzt mein Gefühl gebildet -
meine Denkkraft hingegen weniger geübt; und doch ist das richtige Verhältnis
zwischen beiden allein die Bedingung unsres Glüks. Ich verzweifelte an allem
Vortrefflichen, an allem Glük in der Welt. Was war der Zwek des Daseins? - eine
trostlose Notwendigkeit schien allenthalben den freien Blick der Untersuchung zu
hemmen. Was sollte mir eine Welt, wo Rechtschaffenheit foldert und inniges
Gefühl zum Mörder macht, wo zwischen Pflicht und Neigung ein quälender
Widerspruch waltet? - und wenn mir nur dies ein Recht gegeben hätte, auf eine
bessere Welt zu hoffen! - aber so wenig wie der giftige Biss einer Natter, oder das
verheerende Wüten des glühenden Vulkans. Alle Kraft entwikkelt sich und wirkt,
wo und wie sie kann
