 in diesem Augenblicke noch für etwas
anders hätte Sinn haben sollen. Ich schwor ihnen, sie gegen alle Beleidigung zu
verteidigen; ich verwies sie auf den Schuz der Gesezze, aber ich überzeugte sie
nicht. Die Rechte, die Nanettens Bruder auf seine Schwester hatte, waren in den
bürgerlichen Gesetzen gegründet, wer konnte sie ihm nehmen? - sie fürchteten für
ihre Freiheit - und ich durfte es ihnen nicht verdenken. Wo haben wohl Weiber
das Recht, sich unmittelbar des Schuzzes der Gesezze freuen zu dürfen? - sind
sie nicht fast allenthalben mehr der Willkür des Mannes unterworfen? wie wenig
wird noch jetzt auf ihre natürlichen Rechte, auf den ungestörten Genuss ihrer
Freiheit und ihrer Kräfte Rüksicht genommen! werden sie nicht vielmehr bloß
geduldet als beschüzt? -
    Nanette, rief ich mit glühenden Wangen, und presste ihre beiden Hände an mein
Herz, so lass denn diese äußerlichen Vorkehrungen, die für arglose Herzen, wie
die unsrigen, nicht gemacht sind. Gibt es eine Form, die der Inhalt nicht
heiligt? - kann etwas ehrwürdiger sein als unsre Verbindung? - Zwei freie Wesen
schließen den Bund, gemeinschaftlich zu wirken, gemeinschaftlich Gutes zu tun,
gemeinschaftlich zu leiden. - Unser Bund besteht durch eigne Kraft. Nicht die
zerbrechlichen Stüzzen von priesterlichem Seegen, von bürgerlicher Ehre, von
kränkelnder Gewissenhaftigkeit halten ihn. Wir selbst sind uns Bürge für uns
selbst. - Weder Natur noch Vernunft lehrten die Menschen diese Vorkehrungen zu
gebrauchen. Klugheit tat es, eine Tugend, die erst aus den Trümmern
menschlicher Unschuld und Reinheit hervorwuchs, und durch Verdorbenheit nötig
ward. - Ob wir sie bedürfen? - Liebe! kennen wir uns nicht? - Wir werden ewig so
sein, weil wir es jetzt sind! -
    Die Tante nahm das Wort. Nanette schwieg; aber ein Stral von
unbeschreiblicher Liebe und Hoheit drang aus ihrem Auge in meine Seele. Ich sah
in ihrem Blikke die höchste Stufe menschlicher Veredlung, das reinste Ideal
menschlicher Schönheit, die zarteste Verhüllung großer himmlischer Gefühle. Sie
vergessen junger Mensch, sagte die Tante mit ruhiger Fassung, dass die
Gesellschaft, worin Sie leben, allerdings Gehorsam für ihre Verordnungen von
Ihnen verlangen kann, dass Sie ihr für die Bildung, für die Vorteile, die sie
Ihnen verliehen, auch Achtung für ihre Forderungen schuldig sind, und dass es
nicht so leicht ist, als Sie jetzt glauben, die ruhigen sichern Vorteile
bürgerlicher Verhältnisse dem Genuss eines Gutes aufzuopfern, das Leidenschaft
Ihnen jetzt als das höchste Einzige vor Augen stellt. O Mutter, unterbrach ich
sie mit aller Fülle des überströmenden Herzens, was hat der Staat, was haben die
Gesezze mit unsern Empfindungen gemein? - Hat er uns diese heiligen Gefühle
angebildet? - können sie uns dieses ehrenvolle gegenseitige
