 und Menschen nichts an den
zarten Herzen verdürben, dafür sorgte sie. Wenn sie das Böse verhinderte,
glaubte sie alles getan zu haben, das Gute, meinte sie, käme von selbst. Sie
lehrte ihnen Begriffe, nicht Worte, entwikkelte ihr Gefühl für Recht und
Unrecht, und suchte nur das auszubilden was sie in ihnen fand; anbilden wollte
sie ihnen nichts. - Ihre Hoffnung, ganz ihr Werk vollendet zu sehen, ward nur
zur Hälfte erfüllt. Der Knabe ward ihr zu bald entrissen, aber durch Nanetten
genoss sie der Wollust, ein edles Weib in seiner hohen angestammten Würde rein
und unentweiht ihren Zeitgenossen dargestellt zu haben.
    Indessen hatte der ältere Bruder unaufhörlich in Vergnügungen aller Art
geschwelgt. Natürlich, dass es ihm zuletzt an Mitteln zur Befriedigung seiner
immer wachsenden Bedürfnisse gebrach, natürlich dass er nun mit der Kraft zu
genießen auch die Kraft zu entbehren verloren hatte, und nun auf unrechtmässige
Behelfe sann, da keine rechtmäßigen mehr in seiner Gewalt waren. Was konnte ihm
näher liegen, als das ihm anvertraute Vermögen seiner Geschwister; was konnte
bei der Verfassung seines Landes leichter sein, als sich selbst einen Teil
desselben zuzueignen, wenn er sie zum klösterlichen Leben überreden könnte? -
Offenbare Gewalttätigkeiten erschrekten seinen entnervten Geist, aber kein
heimlicher Kunstgriff konnte ihm zu schwarz und unedel sein. An seinem Bruder
wollte er den ersten Versuch wagen, und als einen vierzehnjährigen Jüngling ließ
er ihn zu sich kommen. Er fand in ihm ein Wesen von unbiegsamer
Rechtschaffenheit, trozziger Anhänglichkeit an seine Pflichten, alle
Leidenschaften noch in tiefem Schlafe, durch hohe Schwärmerei zu jeder
Resignation bereit - und sein Plan war gemacht. Der Scharfsinn, den er besaß,
wenn es darauf ankam, seinen eignen Vorteil zu finden, half ihm bald einen Plan
entwerfen, der ihm nur allzuglücklich gelang. Er wusste dem Jünglinge, was er für
ihn getan, so ans Herz zu legen, wusste ihm seine eignen Verhältnisse so
unzerreissbar, seine Lage so verwikkelt, seine Bedürfnisse so dringend
darzustellen, dass jener es kaum des Dankes wert hielt, wenn er ihm mit allen
seinen Rechten, allen Aussichten auf Lebensgenuss ein unwiederbringliches Opfer
brächte, und nur beweinte, dass es ihm nicht mehr Überwindung kostete. Mit der
größten Freudigkeit ließ er sich einkleiden. Aber bald entfaltete sich sein
Geist mit Riesenschritten. Seine aufwachende helle Vernunft stellte ihm das
Unzwekmässige, Naturwidrige seines jezzigen Lebens im fürchterlichsten Lichte vor
Augen. Er schauderte zurück vor den Fesseln, mit denen verjährte, geheiligte
Vorurteile seine Denkkraft zu entnerven drohten. Sein Orden war nicht streng
genug, um ihn ganz von der Welt zu entfernen; er lernte sie genug kennen, um zu
wissen was er in ihr verloren, sah seinen Bruder im Überflusse schwelgen,
während
