 genügsam und so unersättlich! so die Welt umfassend und nur
für eins lebend! so mit Freude und Schmerz sich quälend! - Verweht waren alle
die trüben Phantome, mit denen ich mich geängstet hatte; mein entwölkter Sinn
sah nur reine, himmlische Formen, fühlte nur das Allbeseeligende des Lebens.
Eben das Gefühl, das alle Hoffnung auf Freudengenuss auf ewig zu erstikken
drohte, war jetzt die Quelle meines unnennbaren Glüks. So ist Liebe die Wärme der
moralischen Welt, sie erzeugt und zerstört wie diese, bringt hier Blüten und
dort Vulkane hervor.
    Jeder Tag brachte mich Nanetten näher. Das ewig Blühende unsrer Phantasien,
das frohe jugendliche Aufwallen unsrer Herzen, der süße Einklang unsrer Seelen
webte ein zartes, unsichtbares, unauflösliches Band zwischen uns. Wir lebten -
im eigentlichsten Sinne des Worts. Die zarten Blüten des Gefühls, diese reinen
Quellen menschlicher Glückseeligkeit, wurden von uns sorgfältig geschont und vor
Schaden gehütet. Sättigung ohne Überdruss - Sehnsucht ohne Qual. Natur und
Vernunft unsre Götter. Wir waren frei von allen lästigen, gesellschaftlichen
Verhältnissen, die in dem Menschen Wünsche nähren, ohne sie zu erfüllen, ihm
Bedürfnisse aufzwingen, die sein Herz nicht kennt, und deren Befriedigung nicht
glücklich macht. Aber wir waren nicht gleichgültig gegen die Erscheinungen, die
nicht unmittelbar auf unsre Eigentümlichkeit Bezug hatten. Alles, was der
Menschheit im Allgemeinen wichtig sein, Vorurteile bekämpfen, Irrtümer ans
Licht ziehen, Wahrheiten entwikkeln konnte, hatte für uns unbeschreibliches
Interesse. So genossen wir unsre Existenz tausendfältig. Nanette war fern von
allem erkünstelten Wissen; ihr ganzes Studium schränkte sich bloß auf die
Kenntnis des Menschen ein, aber von natürlichem Scharfsinn unterstüzt, hatte sie
sich in Beurteilung und Schäzzung der Menschen eine Fertigkeit erworben, die
ich nie habe fehlen sehen. Dieser tief eindringende, geübte Blick, machte ihren
Umgang zu einer unerschöpflichen Nahrung für den Geist. Ihre Urteile waren
immer voll Eigentümlichkeit und Tiefe, nie nachgebetet und seicht. Die Wahrheit
ihrer Begriffe von dem reinsten Gefühl begleitet, machte sie gerecht gegen
andre, gab ihr Frieden mit sich selbst, Selbstständigkeit im Gedränge der
Umstände. Ein freundlicher Genius schien unablässig den Eingang ihres Herzens zu
bewachen, und keiner üblen Laune den Zutritt zu verstatten. Für zweifelhafte
Übel hatte sie Erfindsamkeit, ihnen auszuweichen, für gewisse, Mut, sie zu
ertragen. Die glückliche Mischung ihrer Säfte verlieh ihr eine unzerstörbare
Heiterkeit, die beneidenswerteste Fertigkeit, an allem die geniessbare Seite
aufzufinden und zu benuzzen. Sie war reizbar ohne Schwäche, heiter ohne
Unempfindlichkeit; gefühlvoll, ohne sich selbst zu quälen, vernünftig ohne
Anmassung. In ihrem Umgange fühlte auch ich mich täglich besser. Der
unbeschreibliche Zauber ihres Wesens schien mein ganzes Sein zu verändern, und
mich ihr selbst ähnlicher zu machen.
