 glücklichen Unerfahrenheit, oder unser Schicksal hatte Welten
zwischen unsre Denkart gedrängt. Die Wirklichkeit war tot für mich, und die
Erinnerung einer hier vertaumelten, einst glücklichen Jugendzeit konnte mir nur
Stoff zu schmerzlichen Vergleichungen geben. Vergebens nahm ich zu den
einfachsten Mitteln meine Zuflucht; erwartete von der Natur, was keine Kunst zu
geben vermochte; vergebens lauschte ich mit kindlichem Herzen ihren leisesten
Tröstungen - selbst ihr allmächtiger Zauber konnte mein gelähmtes Gefühl nicht
aus seiner Versunkenheit retten. Wie nach einem verlorenen Paradies sah ich zurück
nach den Freuden, die ich genossen, die ich hätte genießen können, - und eine
fürchterliche Ermattung folgte stets jedem gewaltigen Auflodern meiner kranken
Imagination. Ich wollte nicht vergessen - um diesen Preis verlangte ich kein
Glük. Mein Schicksal schien mir Einzig zu sein, das Wunderbare desselben webte
einen geheimen Reiz in meine Leiden und machte meine Genesung immer unmöglicher.
So versank ich rettungslos in die unseligen Träumereien einer gespannten
Phantasie; zu sehr gewöhnt den Eingebungen des Gefühls zu folgen, verhallte die
Stimme der Vernunft ungehört in seinen allgewaltigen Accorden, und mein Zustand
ward gefährlicher, je minder ich den Wunsch empfand, ihn zu verbessern.
    Nur ein gewaltsam erschütternder Schlag konnte mich aus diesem Seelenschlafe
wekken - und das Schicksal gönnte mir ihn. Es fasste mein Herz an der einzigen
noch fühlbaren Seite. Mein Vater starb. In ihm hatte ich das höchste Ideal
menschlicher Güte angebetet, ihn hatte ich unaussprechlich geliebt. Er war kein
großer Mensch, aber er war ein guter Mensch, bis in seine entschiedensten
Vorurteile ehrwürdig und menschlich. Was andre lehren, übte er. Ein göttlicher
Instinkt schien seinen Geist immer an das Wahre und Gute zu fesseln, und sein
Leben war der redendste Beweis für Moralität und Sittengesez. Nur mit langsamen
Schritten folgte er im Denken dem Geist seines Zeitalters; aber sein Herz wäre
die Ehre jedes Jahrhunderts gewesen. Er hasste die Menschen nicht, die anders
dachten wie er; aber er hielt sich nicht für verpflichtet zu denken wie sie. Oft
schien er ohne zureichende Gründe seiner Meinung getreu bleiben zu wollen, doch
nicht selten zeigte ein unerwarteter Ausbruch, wie er im Stillen seinen Gang
verfolgt, und dann der bessern Überzeugung beigetreten war. Ein unversiegbarer
Quell von Rechtschaffenheit und Wohlwollen trieb unablässig die schönsten Blüten
der Humanität aus seinem Innern hervor, und ergoss sich wie ein seegensreicher
Strom über alles was ihn umgab. Viele liebten ihn - keiner war sein Feind.
Selbst seine Schwächen machten ihn liebenswürdig und vollendeten das edle Bild
des Menschenfreundes in ihm. Das war der Mann, dem mich das Schicksal so nahe
gebracht, von dem es mich jetzt auf immer getrennt hatte. Es war eine
Erschütterung, die mein ganzes Wesen aufreiben zu wollen schien. Doch die
unabweislichen Foderungen Anderer ließ
