
        
                                 Sophie Mereau
                        Das Blütenalter der Empfindung
                         Ein paar Worte über das Folgende
Es gibt eine Zeit in unserm Leben, wo unser Gefühl in seiner ersten vollen
Blüte steht, wo das trunkne Herz, selbst in seinen Verirrungen noch unschuldig,
nach jedem Schattenbilde der Phantasie hascht, wo wir in holden Träumen
schwelgen, an Erfahrung Kinder, an Genuss Götter sind, wo selbst der Kummer noch
süß ist. Wir denken, wir fühlen da wohl manches, was eine größere Reife des
Geistes uns späterhin in ganz anderm Lichte erscheinen lässt; aber auch der
Irrtum ist Übung unsrer Kräfte, und wuchert für das künftige Erkenntnis der
Wahrheit. Diese Zeit, die die verschiedenen Verhältnisse der Dinge außer uns bei
dem Einem verlängern und bei dem Andern abkürzen, nennen wir den Frühling unsers
Lebens, und selbst der weisere Mensch schaut oft, wenn sie verschwunden, mit dem
Blikke der Sehnsucht auf sie zurück. - Doch sie verschwindet bald! - Der helle
Stral der Vernunft wekt uns aus dem lieblichen Schlummer, wir fühlen, dass uns
ein höheres Gesez vonnöten ist, und das Bedürfnis, nach deutlichbestimmten
Gründen zu handeln, regt sich immer lauter und lauter in uns.
    Ob es mir gelungen ist, die Äußerungen eines reinen Gefühls, unter gewissen
äußern Verhältnissen, befriedigend darzustellen, dies bleibt dem Urteil jedes
Einzelnen überlassen. Die höheren Forderungen einer reifern Vernunft zu
entwikkeln, das lag nicht in meinem Plane.
    Übrigens soll das eben Gesagte die Aufmerksamkeit weder von dem folgenden
ab- noch auf dasselbe hinziehen, ziehen, sondern bloß ganz einfach den
Gesichtspunkt andeuten, woraus dieser erste kleine Versuch betrachtet zu sein
wünscht.
                                                               Die Verfasserinn.
 
                        Das Blütenalter der Empfindung
Seit vier Wochen' war ich in Genua. Hier erst verschwand der Unmut, der wie ein
Nebel die schönen Erscheinungen der Geister und Sinnenwelt für mich bis jetzt
verschleiert hatte. Ich war in meiner Heimat glücklich gewesen, und hatte mich
mit gnügsamer Empfänglichkeit innigst an die stillen Freuden eines
eingeschränkten Wirkungskreises, wo unsre Kräfte nur geübt, nicht angespannt
werden, gewöhnt. Ohne beim Genuss sehr lebhaft ihren Reiz zu fühlen, tut uns
ihre Entbehrung doppelt weh. Mein Vater wünschte mich vor Einseitigkeit
gesichert zu wissen, er wollte meine Kenntnisse vervielfältigen, meine Begriffe
berichtigen, und meiner Urteilskraft eine freiere und festere Richtung geben.
Deshalb ließ er mich reisen, und ich befolgte seinen Willen gern. Aber die
lieblichen Bilder der Kindheit und des ersten Jünglingsalters schwebten noch so
lebhaft vor meinen Blikken, dass ich mitten im Gewuhl der neuen Gegenstände nur
die väterlichen Fluren meiner Heimat sah, und unter allen fremden Tönen, die
mein Ohr umsummten, nur die Stimmen meiner Gespielen vernahm. Nach und nach
wurden diese Bilder verdunkelt. Im Vollgenuss der Gesundheit, in keine
Verhältnisse verwikkelt,
