
        
                              Friedrich Hölderlin
                             Fragment von Hyperion
 Es gibt zwei Ideale unseres Daseins: einen Zustand der höchsten Einfalt, wo
unsre Bedürfnisse mit sich selbst, und mit unsern Kräften, und mit allem, womit
wir in Verbindung stehen, durch die bloße Organisation der Natur, ohne unser
Zutun, gegenseitig zusammenstimmen, und einen Zustand der höchsten Bildung, wo
dasselbe stattfinden würde bei unendlich vervielfältigten und verstärkten
Bedürfnissen und Kräften, durch die Organisation, die wir uns selbst zu geben im
Stande sind. Die exzentrische Bahn, die der Mensch, im Allgemeinen und
Einzelnen, von einem Punkte (der mehr oder weniger reinen Einfalt) zum andern
(der mehr oder weniger vollendeten Bildung) durchläuft, scheint sich, nach ihren
wesentlichen Richtungen, immer gleich zu sein.
    Einige von diesen sollten, nebst ihrer Zurechtweisung, in den Briefen, wovon
die folgenden ein Bruchstück sind, dargestellt werden.
    Der Mensch möchte gerne in allem und über allem sein, und die Sentenz in der
Grabschrift des Loyola:
                 non coerceri maximo, contineri tamen a minimo
kann eben so die alles begehrende, alles unterjochende gefährliche Seite des
Menschen, als den höchsten und schönsten ihm erreichbaren Zustand bezeichnen. In
welchem Sinne sie für jeden gelten soll, muss sein freier Wille entscheiden.
                                 -------------
                                                                          Zante.
Ich will nun wieder in mein Jonien zurück: umsonst hab ich mein Vaterland
verlassen, und Wahrheit gesucht.
    Wie konnten auch Worte meiner durstenden Seele genügen?
    Worte fand ich überall; Wolken, und keine Juno.
    Ich hasse sie, wie den Tod, alle die armseligen Mitteldinge von Etwas und
Nichts. Meine ganze Seele sträubt sich gegen das Wesenlose.
    Was mir nicht Alles, und ewig Alles ist, ist mir Nichts.
    Mein Bellarmin! wo finden wir das Eine, das uns Ruhe gibt, Ruhe? Wo tönt sie
uns einmal wieder, die Melodie unsers Herzens in den seligen Tagen der Kindheit?
    Ach! einst sucht ich sie in Verbrüderung mit Menschen. Es war mir, als
sollte die Armut unsers Wesens Reichtum werden, wenn nur ein Paar solcher Armen
Ein Herz, Ein unzertrennbares Leben würden, als bestände der ganze Schmerz
unsers Daseins nur in der Trennung von dem, was zusammengehörte.
    Mit Freud und Wehmut denk ich daran, wie mein ganzes Wesen dahin trachtete,
nur dahin, ein herzlich Lächeln zu erbeuten, wie ich mich hingab für einen
Schatten von Liebe, wie ich mich wegwarf. Ach! wie oft glaubt ich das Unnennbare
zu finden, das mein, mein werden sollte, dafür, dass ich es wagte, mich selbst an
das Geliebte zu verlieren! Wie oft glaubt ich den heiligen Tausch getroffen zu
haben, und forderte nun, forderte,
