 fremde Stücke zerstückt - und wie emsig er aus jedem bedornten oder
gestachelten Tadel, sei er entweder Rose oder Wespe, den Honig der Besserung
saugt, dies könnte ein Kunstrichter erfahren, ohne mehr Bücher zu lesen als
zwei, nämlich die zweite Ausgabe neben der ersten; ja sogar aus einem einzigen
könnte er alles wegbekommen, wenn er einen Herrn Verleger bloß um gefällige
Vorzeigung des letzten, mit weisen Runzeln und mit Druck- und Dintenschwärze
zugleich durchfurchten Alt-Exemplars ersuchte: der Mann würde im Buchladen sich
wundern über das Bessern, ihm so gerade gegenüber.
    Aber, wie leider gesagt, gegenwärtig wird in Deutschland wenig
Belletristisches rezensiert, und die Taschenkalender sind hier wohl die einzigen
Ausnahmen von Belang, nämlich ihre verschiedenen kleinen Aufsätze und die
verschiedenen kleinen Urteile dazu.
    Es ist eigentlich ziemlich spät, dass ich erst nach 28 Jahren sage, was die
beiden Titel des Buchs sagen wollen. Der eine »unsichtbare Loge« soll etwas
aussprechen, was sich auf eine verborgne Gesellschaft bezieht, die aber freilich
so lange im Verborgnen bleibt, bis ich den dritten oder Schlussband an den Tag
oder in die Welt bringe. Noch deutlicher lässt sich der zweite Titel »Mumien«
erklären, der mehr auf meine Stimmung, so wie jener mehr auf die Geschichte,
hindeutet. Überall werden nämlich im Werke die Bilder des irdischen
Vorüberfliegens und Verstäubens, wie ägyptische Mumien und griechische
Kunst-Skelette, unter den Lustbarkeiten und Gastmahlen aufgestellt. Nun soll
aber die Poesie mehr das Entstehen als das Vergehen zeigen und schaffen und mehr
das Leben auf den Tod malen als das Gerippe auf das Leben. Der Musenberg soll
als der höchste, alle Wolken überflügelnde Berg, der uns sowohl den Himmel als
die Erde heller schauen lässt und zugleich die Sternbilder und den blumigen
Talgrund uns näher bringt, dieser soll der Ararat der im Wasser arbeitenden und
schiffbrüchigen Menschheit sein; wie sich in der Myte2 Deukalion und Pyrrha aus
der Sündflut auf dem Parnassus erretteten. So verlangt es besonders unser Goethe
und dichtet danach; die Dichtkunst soll nur erheitern und erhellen, nicht
verdüstern und bewölken. - Und dies glaub' ich auch; ja ohne eine angeborene
unwillkürliche - was man eben Hoffnung und Erinnerung nennt - wäre keine
Wirklichkeit zu ertragen, wenigstens zu genießen. -
    Aber ebenso gewiss ist es, dass gerade die Jugend, diese lebendige Poesie,
mitten unter ihren Blütenästen (für sie aber schon Fruchtäste) und auf ihren
sonnigen warmen Anhöhen nichts lieber dichtet und gedichtet liest als
Nachtgedanken; und nicht nur vor der liebekranken Jungfrau, sondern auch vor dem
liebestarken Jüngling - der darum einem Schlachttode weit begeisterter
entgegenzieht als ein Alter - schweben die Gottesäcker als hangende Gärten in
Lüften, und sie sehnen sich hinauf. Die Jugend kennt nur grüne
