 den Pflanzen, welche bei aller Nährung durch Wärme, Feuchte und Luft doch
nur Früchte ohne Geschmack und Brennstoff bringen, wenn ihnen das Sonnenlicht
gebrach.
    Glücklicherweise hat sich freilich seitdem - seit dem eingegangnen
Predigtamte Lichtenbergs und anderer Prosaisten - sehr vieles und zwar zum
wahren Vorteile der Dichter geändert. Menschenstudien vorzüglich werden ihnen
von Kunstverständigen und Leihlesern willig erlassen, weil man dafür desto mehr
im Romantischen von ihnen erwartet und fodert. Daher sind sogenannte Charaktere
- wie etwa die vorkömmlichen bei Goethe, oder gar bei Shakespeare, ja wie nur
bei Lessing - gerade das, wodurch sich die neueren Roman- und Drama-Dichter am
wenigsten charakterisieren, sondern es ist ihnen genug - sobald nur sonst
gehörige Romantik da ist -, wenn die Charaktere bloß so halb und halb etwa etwas
vorstellen, im ganzen aber nichts bedeuten. Ihre Charaktere oder
Menschen-Abbilder sind gute Konditor- oder Zuckergebilde und fallen, wie alle
Kandis- und Marzipanmänner, sehr unähnlich, ja unförmlich, aber desto süßer aus
und zerlaufen mild auf der Zunge. Ihre gezeichneten Köpfe sind gleichsam die
Papierzeichen dieser höheren Papiermüller und bedürfen keiner größeren Ähnlichkeit
mit den Urbildern als die Köpfe der Könige von Preußen und Sachsen auf dem
preußischen und sächsischen Konzept-Papiere, die und deren Unähnlichkeit man
erst sieht, wenn man einen Bogen gegen das Licht hält. Da nun gerade neue
Charaktere so schwer und ihrer nur so wenige zu erschaffen sind, wenn man sich
nicht zu einem Shakespeare steigern kann, hingegen neue Geschichten so leicht zu
geben, zu deren Zusammensetzungen schon vorgeschriebene Endreime der Willkür die
organischen Kügelchen oder den Froschlaich darbieten: so wird durch stehende
Wolkengestalten von Charakteren, welche unter dem Anschauen flüssig aus- und
einwachsen und sich selber eine Elle zusetzen und abschneiden, dem Dichter
unglaubliche Mühe und Zeit, die er fruchtbarer an Begebenheiten verwendet, im
Schaffen erspart, und er kann jede Messe mit seinem frischen Reichtum neuer
Geschichten und alter Charaktere auftreten; er ist der Koch Andhrimmer (in der
nordischen Mythologie) und hat den Kessel Eldhrimmer und kocht das Schwein
Sährimmer, das jeden Abend wieder lebendig wird, und bewirtet damit die Helden
in Walhalla jeden Tag.
    Dieser romantische Geist hat nun in Romanen und Trauerspielen eine Höhe und
Vollkommenheit erreicht, über welche hinaus er ohne Selbstverflüchtigung
schwerlich zu gehen vermag, und welche man in der ganz gemeinen Sprache
unbedenklich schon Tollheit oder Wahnwitz nennen kann, wenn auch nicht in der
Kunstsprache. Von den Trauerspielen an des ohnehin nicht verstandreichen Werners
bis hinauf zu dem Yngurd und der Albaneserin des verstandüberreichen Müllners
regiert ein seltener, luftiger, keines Bodens bedürftiger Wahnwitz die Charaktere
und dadurch sogar einen Teil der Geschichte, deren Schauplatz eigentlich im
Unendlichen ist, weil verrückte und verrückbare Charaktere jede Handlung, die
man will,
