 und in der Kälte unser Feuer schelten: wo haben wir recht? Und gibt
die Dauer des Scheltens das Recht? -
    Ich fühle Einwürfe und Schwierigkeiten voraus, ja ich weiß es und fühle, dass
auf dieser umwölkten Regen-Kugel uns nichts gegen die äußern Stürme einbauen und
bedecken kann, als das Besänftigen der innern - gleichwohl fühl' ich auch, dass
alles Vorige wahr ist.
 
                 Sechsundzwanzigster oder XX. Trinitatis-Sektor
                            Diner beim Schulmeister
Wenn ein Autor wie ich so viele Wochen hinter seiner Geschichte zurückgeblieben,
so denkt er: mag der Henker den heutigen Post-Trinitatis auch gar holen - ich
will also darin von nichts reden als vom heutigen Post-Trinitatis, von meiner
Schwester, meiner Stube und von mir. Wenige Geschichtschreiber werden heute
hinter ihren Dintenfässern einen solchen guten Tag haben wie ihr Zunftgenoss.
    Ich sitze hier in des Schulmeister Wutzens Empor-Stube und halte seit einem
Vierteljahr meinen Arm als Armleuchter zum Fenster hinaus mit einem langen
Licht, um in die zehn deutschen Kreise hineinzuleuchten. Ich werde in jedem
Herbst und Winter alle meine Sektores wie den heutigen am Morgen um 41/2 Uhr bei
Licht zu machen anfangen; denn wie die erhabene Finsternis vor Mitternacht den
Menschen über die Erde und ihre Wolken hinaushebt: so legt uns die nach
Mitternacht wieder in unser Erd-Nest herein - schon nach 12 Uhr nachts fühl' ich
neue Lebenslust, die so zunimmt, wie das herübergegossene Morgenlicht die
Finsternis verdünnt und durchsichtig macht. Gerade die feinsten und
unsichtbarsten Fühlfäden unserer Seele laufen wie Wurzeln unter der groben
Sinnenwelt fort und werden von der entferntesten Erschütterung gestoßen. Z.B.
wenn der Himmel gegen Osten licht- und wolkenlos, gegen Westen mit
Wolkenschläuchen verhangen ist: so kehr' ich mich scherzhafterweise mehr als
zehnmal um - steh' ich gegen Osten, so fliegen alle innern Wolken aus meinem
Geiste weg - fahr' ich gegen Westen um, so hängen sie sich wieder um ihn her -
und auf diese Art zwing' ich durch schnelles Umdrehen die entgegengesetztesten
Empfindungen, vor mir ab- und zuzulaufen.
    An logische Ordnung ist in diesem Lust-Sektor gar nicht zu gedenken; einige
geschichtliche soll zu finden sein. Nur wird mancher Gedanke mit tausend
Schimmerecken von meiner Lichtschere erdrückt werden, wenn ich das Licht
schneuze, oder in meiner Tasse ersaufen, wenn ich gestrigen Kaffee daraus
trinke. Dem Publikum ist letzter mehr anzuraten: unter allen warmen Getränken
ist kalter Kaffee zwar vom abscheulichsten Geschmack, aber doch von der
geringsten Wirkung. Der schlafende Tag wird schon wie eine schlafende Schöne, in
der die Morgenträume glühen, rot und muss bald das Aug' aufschlagen. Sein erstes
wird - poetisch zu reden - sein, dass er meine Schwester weckt und mit ihr als
