 rückten nun auch näher. Ich hatte
ohnehin den Flügeln seiner Phantasie nicht Federn genug ausgerisssen und ihn aus
seiner Einsamkeit nicht oft genug verjagt. In dieser trieb seine Phantasie ihre
Wurzeln in alle Fibern seiner Natur hinein und verhing mit den Blüten, die
seinen Kopf auslaubten, die Eingänge des äußern Lichts. -
    Wahrhaftig weder der klappernde Mentor noch seine Bücher, d.h. weder die
Gartenschere noch die Giesskanne sättigen und färben die Blume, sondern der
Himmel und die Erde, zwischen denen sie steht - d.h. die Einsamkeit oder
Gesellschaft, in der das Kind seine ersten Knospen-Minuten durchwächset.
Gesellschaft treibt im Alltagkind, das seine Funken nur an fremden Stößen gibt.
Aber Einsamkeit zieht sich am besten über die erhabnere Seele, wie ein öder
Platz einen Palast erhebt; hier erzieht sie sich unter befreundeten Bildern und
Träumen harmonischer als unter ungleichartigen Nutzanwendungen. Um so mehr haben
General-Akziskollegien darauf zu sehen, dass große poetische Genies - im Grunde
taugt keines zu einem gescheiten Kammer- oder Kanzleiverwandten - vom zehnten
Jahre bis zum fünfunddreissigsten in lauter Besuch-, Schreib- und Votierzimmern
herumgehetzet werden, ohne in eine stille Minute zu kommen; sonst ist keines in
einen Archivar oder Registrator umzusetzen. Daher hält auch das Marktgetöse der
großen Welt allen Wuchs der Phantasie so glücklich am Boden.
    Daran dacht' ich oft und warf mir manches vor. Würde nicht (hielt ich mir
vor) ein gründlicherer Schulkollege deinen Gustav, wenn er mit dem Rücken auf
dem Grase liegt und in den blauen Himmelkrater hinaufzusinken oder auf Flügeln
an den Schulterblättern durch das All zu schwimmen träumt, mit dem Spazierstock
an ein Buch von Nutzen treiben? Und, sagt' ich, wenn ich zum gründlichern
Kollegen sagte, es sei einerlei, woran eine kindliche Phantasie sich aufwinde,
ob an einem lackierten Stäbchen, oder an einer lebendigen Ulme, oder an einem
schwarzen Räucherstecken: würde der Kollege nicht witzig versetzen, eben
deshalb, es sei also einerlei? -
    Inzwischen besäss' ich meines Orts auch Witz; ich würde auf die Replik
verfallen: »Glauben Sie denn, Herr Konfrater, dass unter dem größten Spitzbuben
und dem größten komischen Dichter, den Sie vertieren, ein Unterschied ist? -
Allerdings; ein guter Plan des Kartouche ist von einem guten Plan des Dichters
Goldoni darin verschieden, dass der erste die Komödie selber ausführet, die der
letzte von Schauspielern ausführen lässt.«
    Gustav war jetzt in der Mitte des schönsten und wichtigsten Jahrzehends der
menschlichen Flucht ins Grab, im zweiten nämlich. Dieses Jahrzehend des Lebens
besteht aus den längsten und heißesten Tagen; und - wie die heiße Zone zugleich
die Größe und den Gift der Tiere mehrt - so kocht sich an der Jünglingglut zwar
die
