 Herzens zu sehen,
und zum Anschauen der Gottheit nicht durch den Verstand, sondern durch den
Willen zu gelangen. Zwar ließ er es nicht an Reinigungen und Läuterungen der
Seele fehlen, doch schien er fröhlich und guter Dinge, dass Sophie und er
bekörpert waren. Und Michael - war so verliebt, dass er unbedenklich die
göttliche Natur mit der menschlichen bei seiner Zofe vertauscht hätte, wenn es
auf diesen kritischen Tausch angekommen wäre. Ein Apfel und eine Birn, pflegte
der Engländer, wenn er den Ritter und Sophien ansah, mit Tränen im Auge zu
sagen, ein Apfel und eine Birn, durch keinen Wurmstich angegriffen. In der Tat,
dies Paar war unschuldig und rein, als käme es aus den Händen der Natur. - Auch
in der größten Gesellschaft waren die Blicke des Ritters und seiner Sophie ohne
Scheu bei einander. - Große Leute pflegen durch Schönsprechen ihre Schwäche im
gemeinen Leben zu decken; Verliebte sind hinaus über den Ausdruck. - Liebe ist
allmächtig; nur Sprechen ist ihre Sache nicht. - Sie geht über alles, sie
strengt Seele und Leib an - sie kann und will nichts halb tun. - Edel und frei
bleibt ihr Gang; warum sollte sie heucheln und sich verbergen? Sie setzt sich
über Ceremoniell und sanctionirte Gewohnheiten hinweg, ohne anzustossen. Die
Natur, die höchste Schule der Lebensart, ist ihre Schutzgöttin. - Der
mütterliche
                                    §. 175.
                                        
                                     Segen
fehlte noch, den sich Sophie in Begleitung ihres Vaters einholte. Der Ritter
schloss seine Ritterbahn, und kehrte mit einer Genugtuung heim, die nicht auf
Worte zu bringen ist. Michael desgleichen. - Wohl uns, sagten beide, dass das
Ende das Wer! krönt!
    Ihr Rückzug brachte ihnen kein Abenteuer in den Weg; und wahrlich! sie waren
nicht in der Stimmung, eins würdig zu bestehen, selbst wenn es sich ihnen
angeboten hätte! Was ist scharfsinniger als die Liebe, die individuellen Züge in
den Gegenständen ihrer Neigung aufzufassen und zu ergründen? Vielleicht ist
nirgends weniger Täuschung als in der Liebe, wo die Geliebte die
menschenmöglichste Bestimmtheit des Charakters des Liebhabers erreicht, so wie
er die ihrige. Gibt es Geister, ihr Herren Apostel, die im Umgange des Menschen
Vergnügen finden, so muss eine edle Liebe sie vor allem anziehen. - Wann und wo
bleibt der Mensch sich länger gleich, als wenn er liebt? Und ist er je besser,
als im verliebten Zustande? Der Ritter musste, um gewisse Richtigkeiten zu
treffen und Rechnungen abzuschließen, Umwege machen, und konnte seine Sophie und
ihren Vater nicht unmittelbar begleiten. Die Herzen der Liebenden waren immer
bei einander, sie sahen sich - ohne sich zu sehen. - Diese Art von Erscheinung
ist der Liebe eigen. -
