 noch, wenn
seine Hoffnung fast völlig erfüllt ist. Er zweifelt - nicht um sich den vollen
Becher der Freude, dieser Vollendung halber, aufzusparen, nein, weil kurz vor
dem Amen seines Plans alles noch scheitern kann. Und kommt es zum Amen - stürzt
nicht ein Tor in Einem Augenblicke, was zehn Weise ihr Lebenlang bauten? -
Doch, Lieber! weißt du, wenns Zeit ist, dass die Menschen von der Finsternis zum
Licht und von der Torheit zur Weisheit gelangen? Der größte Beweis, dass wir zu
Leiden bestimmt sind, ist, weil Leiden, je größer, desto sicherer, zur
Vollkommenheit bringen. Was willst du mehr, wenn du nur vollkommen wirst? Ist es
Fehler, besser von Menschen zu denken, als man sollte, so ist es ein Fehler des
Edlen, der mir lieber als Scheingerechtigkeit ist, die der Busse nie bedarf. Man
denke vom Leben, was man will: gibt es nicht Staats- und Familienverhältnisse,
wo längeres Leben Glück und Ruhe auf Staat und Familien verbreiten kann? Doch
gibt es kein größeres Unglück, als sich selbst überleben! Das wende Gott in
Gnaden! - Wir werden Grabesritter, ohne aufzuhören Lebensritter zu sein.
Unzufriedenheit ist die Universalkrankheit, woran der größte Teil der Menschen
stirbt: Zufriedenheit ist Selbstschonung und das beste Mittel, das Leben zu
genießen, das mancher Metusalem neuerer Zeit immer genießen will und bei einem
Haar genossen hätte, wenn er im neunzigsten Jahre scheidet. Nur wer weise
entbehrt, genießt; wer nicht übertriebene Empfindung für die Sache selbst nimmt,
lernt sich in Zeit und Welt schicken, auch wenn er die Menschen so verändert
findet, wie Sully den Hof nach Heinrichs IV. Tode.
    Dein Loos ist geworfen, neuer Ritter! Sei Mann im Leben und im Tode! Memento
mori.
    Am Rande war bemerkt: Entält diese Rede mehr, als: Eldorado ist nicht hier,
oben oder unten ist Eldorado?
    Memento mori, erwiderte der Obere auf diese Rede. Du hast wohl gesprochen!
Damit sich aber unser neuer Grabesbruder in Deinem Geistesergusse nicht verirre;
so wiss' er, dass in unserm Orden die Kunst, das Leben zu verlängern, die Kunst,
sanft zu sterben, die Kunst, mit Abgeschiedenen umzugehen u.s.w. gesucht oder
getrieben wird. In dieser höheren Beziehung gilt eigentlich das hohe Wort
Lazarus. Darf ich an den Ursprung desselben erinnern? Heil uns, wenn auch wir in
unserer Kunst es so weit bringen, dass wir, wo nicht zum wirklichen Gestorbenen,
so doch zum Sterbenden sagen können: Stehe auf! - Memento mori.
    Hiemit war die Aufnahme-Dämmerung zu Ende. Bei dem nachherigen Unterricht
erfuhr der Ritter die Fortsetzung der Geschichte
