 sollen? Man muss die Natur des Menschen
berechnen, und bewährte Erfahrungen von Konvenienzen und Verhältnissen im
menschlichen Leben einsammeln, um dergleichen Geschichtsskrupel zu heben und
Widersprüche auszustimmen. Unsere Großen wissen durch Gewandtheit des Ausdrucks,
durch Raschheit und oft selbst durch Geschraubteit in Fragen und Antworten, das
heißt: durch Wortkünstlichkeit, ihre schwachen Seiten im Denken und im Handeln
so zu verhängen, dass man Mühe hat, sich nicht durch Ansichten und
Äußerlichkeiten blenden zu lassen, und wenn die Geschichtschreiber sie noch so
pünktlich kennen (doch ist dies selten der Fall), - dürfen sie sich unterstehen,
sie zu treffen? - Selbst nach ihrem Tode sind sie sicher, verschönert und
verherrlicht zu werden, um auf den Ehrtrieb des durchlauchtigen Nachfolgers zu
wirken. - Der Mensch ist collective bis jetzt kein Haarbreit anders, als er von
Anbeginn war; die Schminke ist verfeinert und ein wichtigerer Handlungsartikel
geworden, auf den mit der größten Sicherheit zu spekuliren ist. Freilich gibt es
eine Ironie, um Wahrheiten zu verdecken, die kaum dem Zehntausendsten dämmert;
wie selten aber finden sich Macchiavelle, welche skandalöse Chroniken in
Lobreden umschaffen und den Marokkanischen Despotismus in einen Freistaat
veredlen? - welche Köpfe, wie Friedrich den Zweiten, zu Widerlegungen
begeistern, wo nichts zu widerlegen ist? - Inokulirt man mit diesen Reisern, von
Grundsätzen die Baumschule unserer Grabesgeschichte: wer findet es bedenklich,
wenn nach dem vierten Artikel alle jene hohen Häupter, ob sie gleich zu
verschiedenen Zeiten lebten, zusammentreten, um diesen Ritterorden zu Stande zu
bringen? Wahrlich, wer unsere Ordensgeschichte der älteren Zeit in Erwägung
zieht und zum voraus setzt, was man ganz füglich voraussetzen kann, dass hier und
da einer von unsern Eingeweihten Teil genommen, wer findet nicht mehr als er
liest? Alle jene Großen der Erde hatten ohne Zweifel die Ehre, etwas zum
Äußeren des Ordens beizutragen, und warum sollten sie in dieser Rücksicht im
vierten Artikel nicht Stifter genannt werden? Das heilige Grab war und blieb das
Hauptstück des heiligen Landes. Name und äußere Würde, wenn sie zu späteren
Zeiten aufgekommen sind, entscheiden nichts. Was tut der arme Name!
    Und wie? verdient der Umstand, die Stiftungsurkunde des Balduin sei nicht
nur französisch, sondern neumodisch gekleidet, Erwähnung? Widerlegung gewiss
nicht. Wer nicht den Geist der Geschichte vom Fleisch, die Erdenteile von den
himmlischen sondert - hat der Geschichtsurteil? Überall findet er Sauerteig,
der den Ofterteig verdirbt. - Im Reiche der Wahrheit ernährt der Krieg, der
Friede verzehrt.
    Unter den weltlichen Chorherrn, die bis 1114 bei der Kirche des heiligen
Grabes standen, war hier und da einer in der hohen Wissenschaft unseres Ordens
eingeweiht, und als man diese weltlichen Chorherren zwang, die Regel des
heiligen Augustinus anzunehmen
