 war kein Augenblick zu
verlieren. Graf Pold versicherte Charlotten, den Liebenden müsse alles zum
Besten dienen; und zum größten Beweise, dass beide Häuser nicht wüssten, warum sie
sich hassten, sympatisirten unsere beiden Liebenden so mit einander, dass
Charlotte und Pold nur einen Verstand und einen Willen hatten. Auch hat die
Schule des Plato noch immer ein Kämmerlein, welches die Natur sich vorbehält.
Die Platonischen Unterhaltungen unserer Liebenden wurden mit natürlichen Küssen
gewürzt, und man dachte aus Ende (welches unserm trefflichen Paare nicht zu
verdenken war), ohne von dem gefassten Entschlusse die Erzieher und Erzieherinnen
das mindeste merken zu lassen. Die so notwendige Zurückhaltung schmerzte beide
Liebenden, wenn sie gleich kein Mittel ausfindig zu machen wussten, sich ohne
Gefahr entdecken zu können. Kurz, unser Paar nahm unter fremdem Namen die
Flucht, die auch so glücklich einschlug, dass es ohne Hindernis über die Grenze
des Landes an einen Ort kam, wo, wie es glaubte, seine Verbindung nichts mehr
behinderte. Der Platonismus verlangt durchaus Einsamkeit und Abstraction, die
auf Reisen am wenigsten stattfinden können. Die Leidenschaft der Liebe hatte das
Nachdenken und die Besorgnisse jetzt völlig zum Schweigen gebracht; und da dies
gemeinhin der Zustand ist, wo man sich so gern mehr verspricht als man leisten,
und mehr zusichert als man halten kann: so war das Verlangen, sich ganz zu
besitzen, unauslöschlich. - Unsere Liebenden gaben sich im Kloster die Hand: der
Übergabe des Herzens bedurfte es nicht. Sie leerten den Becher der Wollust mit
einem Entzücken, das sich nicht beschreiben lässt. Liebe ist die Seele des
Lebens; selbst die Weisheit scheint ihr untergeordnet zu sein; und unser neues
Paar wäre das glücklichste von der Welt gewesen, sobald es sich entschlossen
hätte, die Vorzüge der Namen und des Standes aufzugeben und in der weitesten
Entfernung von seinen Eltern durch Arbeit und Fleiß, bei einem anscheinend
harten Schicksal, das reinste Erdenglück zu genießen, welches nur genossen
werden kann, wenn der Liebe die Arbeit zugesellet wird. Zu diesem Nachdenken
hatte unser Klosterpaar nicht Zeit, und es ward durch eine zu seine Erziehung
daran verhindert. An eine bequemere Lebensart gewöhnt geriet es in Schulden und
in eine Verlegenheit, die den Eltern seinen Aufenthalt verraten musste. Den
Gläubigern ist keine Tür zu stark, sie stürmen sie, und kein Weg zu weit, sie
schlagen ihn ein, um bezahlt zu werden; und je weniger sie die Bezahlung ihres
Betrugs und Zinsenwuchers halber verdienen, desto unbescheidener dringen sie
darauf. Es war besonders, dass jedes der feindseligen Häuser ohne Zustimmung des
andern wirkte, und dass beide Häuser in ihren Gesinnungen und in ihren Wirkungen
so zusammenstimmten, als hätten sie ihren Plan verabredet.
    Schon würde die große Übergewalt des Staats
