 und sieht nichts als sich selbst
und ist gemeiniglich so verraten und verkauft, so verlassen wie ein Einsiedler,
der nicht von einer Stelle kommt, der sich selbst schlägt, sich mit sich selbst
verträgt - und hinten und vorn, im Audienz-, im Wohn- und Schlafstübchen überall
nichts als ein vervielfältigtes Ich hat. Der Philosoph teilt seinem System
seinen Namen mit, und tauft seine Glocke; der Dichter tut Verzicht auf diese
eigene Ehre. Hatte doch, denkt er, Christophorus Kolumbus das Glück nicht, dass
sein entdeckter Erdteil Kolumba hieß! In einer Nottaufe (mit Ewr. Hochwürden
gefälligster Erlaubnis) erhielt dieser Erdteil den Namen Amerika nach dem
Vespucius Amerikus. Haben wir eine Homerische Poesie, ob man gleich im Scherz
eine Pindarische, eine Horazische Ode sagt, um den, der sie gemacht hat, zum
Sklaven des Pindar und Horaz, höchstens zu ihren Freigelassenen, zu erheben oder
zu erniedrigen? Man sagt, die Philosophie könne oft zur Krankheit ausarten; und
dazu ist kein probateres Mittel als Poesie. - Recipe, das Übersinnliche den
Sinnen wenigstens näher zu bringen; und dies ist der Beruf des Dichters. Ein
Philosoph will der Seelenmann sein; aber macht er ihn nicht oft bloß? Er ist die
lustige Person auf dem Engelsteater, bei aller Ehrbarkeit, die er sich
beizulegen pflegt. Der Dichter, ein höherer Chemicus der Seelen, verwandelt die
tiefste, abstracteste Philosophie in die Sprache des gemeinen Lebens. Durch
diese höhere Seelenchemie findet der Dichter zuweilen den Stein der Weisen, den
die Philosophie immer sucht. Nie wird er aus seiner gebückten Stellung
herauskommen, und singen und springen, oder sich nur gerade halten, welches doch
der Vorzug des Menschen ist! - In der ächten Poesie gelüsten freilich zuweilen
Empfindungen und Gedanken gegen einander, und dieser Wettstreit, der den Streit
in uns zwischen Geist und Fleisch, zwischen Verstand und Willen ziemlich
abbildet, macht die Poesie zu einer so menschlichen Sache, dass man mit Wahrheit
sagen könnte, der Mensch sei im Gedicht getroffen. Getroffen! und wer wird sein
eigenes Fleisch hassen? wer wird sich selbst verleugnen? - - Doch, nicht nur uns
selbst brachte die Dichtkunst uns näher, sondern auch dem Unerforschlichen, mit
dem der Mensch vermittelst seines Geistes verwandt ist! - Der Dichtkunst haben
wir diese Entdeckung zu danken. Gottesdienst entstand nicht eher, als da der
Kram der Ehrenbezeugungen unter den Menschen anfing; bis dahin war Gott Vater,
Andacht hohes Andenken an ihn, und die Folge davon Ergebung und Anhänglichkeit
an diesen unsichtbaren Vater. - Wieviel Stoff beut sich hier zu einer
Dichter-Teodicee dar! Doch versteht die Dichtkunst zu verstummen. - Wahrlich
eine große Kunst!
    (Hier lächelte die Ritterin, der Ritter gleichfalls
