? Man vergesse
nicht, dass es eine Poesie im göttlich hohen Sinne gibt. Plinius in seiner
Apologie des ersten Christentums bekundet blindheidnisch, dass die Christen an
gewissen Tagen Christo zu Ehren gesungen hätten! Zugegeben; allein warum? Um im
Handeln ihm Ehre zu machen, und sich aufzufordern, den Willen dessen zu tun,
der ihn gesandt hatte.
    Beispiele sind stärker als Worte; und gibt es nicht hohe poetische Taten,
denen das Feuer der Einbildungskraft so wenig entgegen ist, dass es vielmehr eine
dergleichen Geistes- und Herzensstimmung bewirkt? Was ist blendender Wortglanz
gegen edle Tat? Durch sie wird man erschüttert, überwältigt und lebendig
überzeugt. Der Mut und der Trost der Notwendigkeit, welcher Seelen von Inhalt
und Nachdruck eigen ist - was hat der nicht ausgerichtet, wie viele
bewunderungswürdige Märtyrer gezogen! Nicht immer, nicht von jedem werden diese
Tatenepopeen gefordert! - Doch kommt es im neuen Bunde durchaus auf moralische
Sinnesveränderung an; und wenn gleich diese allerdings durch kalt vorgetragene
Grundsätze angefangen wird, so gibt es doch Fälle, wo wir die Nachhülfe der
Einbildungskraft und Glaubensstärkung bedürfen, um sie zu vollenden und sie in
Werken darzustellen. Man sage nicht, Dichtkunst sei Heuchelei. Heißt, sich gut
ankleiden, heucheln? und ist Dichtkunst mehr oder weniger, als Versinnlichung,
als Menschwerdung der Grundsätze der Seele? mehr als Darstellung des inneren
Menschen - des Geistes, der in uns ist, ohne welchen keine Handlung verstanden
und beurteilt werden kann? Ein reines Herz und reine Gesinnungen adeln unser
Tun, und weisen ihm seine Klasse an; - - und kommt man durch Gesang und durch
die Verbindung des Tons, des Textes und der Melodie nicht zu jener christlichen
Harmonie, zu jener Bruder- und Schwesterliebe, vermittelst deren man nur Ein
Herz und Eine Seele ist? Gott helfe uns zu seinem Reiche, wo alles uns gefällt,
ohne dass wir wie jetzt durch verderbliche Lottos entkräftet werden, und auch
beim höchsten Loose, wegen der vorigen vielen Verluste, arm bleiben! - Torheit
vereinigt oft die, welche durch Gesinnungen getrennt waren; der Gesang stimmt
Menschen zu einerlei Gesinnungen. - Was in der Krankheit frische Luft bewirkt,
das leistet der sanfte Hauch der edelsten Empfindungen bei verstimmten
Gemütern. - Recht und Gerechtigkeit übt man hier nicht nach Anleitung des
finsteren abschreckenden Gesetzbuches, sondern nach dem Evangelio der
Vorstellung, dass kein Mensch ganz böse sei, ob er gleich auch nicht ganz gut zu
sein die Ehre hat. Was Billigkeit ist, dies große Problem lässt sich, scheint es
mir, nur durch Poesie auflösen. - Gesang sollte bloß negativen Vorteil bringen,
und den nicht befriedigen, der auf etwas Positives ausgeht? Mit nichten! -
Sprich, und du bist mein Mitmensch. Singe
