 doch keinem Directeur, dem seine Kasse
am Herzen läge, raten, dergleichen Stücke oft zu geben. Denn für den Genuss des
Erhabnen in der Kunst, ein Genuss, der für einen ächten Kenner, je öfter er ein
Meisterwerk sieht, um desto größer wird - dafür hat das Gros des Publicums
nirgends in Deutschland mehr Sinn, sondern will nur immer neue Spielwerke sehen.
Ich sage, es hat keinen Sinn mehr dafür; aber hat es ihn je gehabt? ja!
wenigstens in einigen Gegenden von Deutschland, zu Lessings Zeiten, zur Zeit der
großen hamburgischen Entreprise. - Auch findet man noch in Hamburg kleine Haufen
von Männern, neben denen unser Einer so gern im Parterre steht, wenn der edle,
unnachahmliche, als Mensch und Künstler, als Freund und Gesellschafter gleich
verehrungswürdige Schröder, unfähig dem falschen, frivolen Geschmacke zu
schmeicheln, die alten ein- und ausländischen Meisterwerke hervorholt, gegen
welche unsre neueren Kotzebuiana u.s.w. so erbärmlich abstechen. -«
    Klingelzieher: »Wie? des Herrn von Kotzebue Stücke lassen Sie nicht gelten?«
    Offizier: »Davon nachher; Lassen Sie mich jetzt nur mein Bild im Allgemeinen
ausmalen! Lesen Sie die Verzeichnisse der Stücke, die in den größten Städten
Teutschlands in den letzten Jahren sind aufgeführt worden, und Sie werden
darüber erstaunen, wie weit man noch in manchen Gegenden unsers Vaterlandes
zurück ist und wie weit man in andern schon wieder hinabsinkt! - Die mehrsten
Directionen müssen sich doch leider! nach den Forderungen ihres Publikums
richten; und wo das nicht der Fall ist, wo der Hof die Stimme führt - ja! da
sieht es denn freilich noch kläglicher aus. Ich machte im vorigen Winter eine
kleine Reise. In einer nicht unbeträchtlichen Stadt, wo damals ein Theater war,
wurde das elende Stück: Die Engländer in America zweimal begehrt, da hingegen
Die Erbschleicher gar nicht gefielen und Götens Geschwister - das herzige
Stück, so voll Größe und Einfalt! - langweilig gefunden wurde. In einer
benachbarten Residenz waren drei Vorstellungen der elenden Farce: Der Teufel ist
los gestopft voll; die herrliche Oper Kora fand gar keinen Beifall. Der
Schauspieler, welcher hier ausgepfiffen wird, gilt dort für einen großen
Künstler und die Sprache, welche man an der Donau für ächtes, saubres Teutsch
verkauft, hält man an der Elbe für unverständliche Beschwörungs-Formeln böser
Geister.
    Was müssen die Folgen von diesem allen in Rücksicht auf Dichter und Künstler
sein? Sie sind leicht an den Fingern abzuzählen; ich will nur beim Dichter stehen
bleiben. Wer etwas besseres in der Welt treiben kann, der widmet seine Talente
keiner so undankbaren Arbeit. An fleißiger Ausfeilung teatralischer Producte
ist gar nicht zu denken; Wer will sich die Mühe
