
Kultur der Nation, wovon die Rede ist, nur aus Büchern kennt! Es wage sich nicht
an diese Arbeit der Stubengelehrte, der bis dahin mehr mit verstorbnen als mit
lebenden Menschen umgegangen ist und der die gewaltigen Stürme des Lebens,
welche Leidenschaften aller Art erregen können, nur von dem Fenster seines
warmen Studierzimmers herab in ihren fürchterlichen Folgen beäugelt, nie aber
ein unmittelbar teilnehmender Zeuge dabei gewesen ist und nie die ersten, oft
sehr kleinen Ursachen der Entstehung beobachtet hat! Endlich wage sich nicht an
diese Arbeit der Reisende, der das Land mit Postpferden durchstreicht und aus
den Gesprächen der einzelnen Anhänger dieser und jener Partei, die er bei seinem
kurzen Aufenthalte in den Städten kennengelernt, den Stoff zu seinen allgemeinen
Urteilen entlehnt!
    Nach solchen Voraussetzungen wird man mich nicht in dem Verdacht haben, ich
wolle diese Grundsätze bei meinem Räsonnement über die französische Revolution
verleugnen oder ich hielte mich berufen, über dieselbe sowie über die Vorzüge
und Mängel der neuen Konstitution zu entscheiden. Meine Absicht ist im
Gegenteile, zu zeigen, wie wenig wir noch jetzt imstande sind, in dieser großen
Begebenheit klar zu schauen, zu warnen vor übereilten Urteilen, zu unzeitiger
Furcht und vor blindem Eifer und endlich aufmerksam zu machen auf die
allgemeinern Grundsätze, von denen wir ausgehn müssen, wenn wir etwas Passendes
von der französischen Staatsumwälzung und deren vermutlichen Folgen sagen
wollen.
 
                               Zweiter Abschnitt
               Bemerkungen über gewaltsame Revolutionen überhaupt
Nichts kommt mir alberner vor, als wenn man sich in moralischen und politischen
Gemeinsprüchen über die Befugnisse und Nichtbefugnisse einer ganzen Nation, ihre
Regierungsform zu ändern, ergießt; wenn man darüber räsoniert, was ein Volk,
wenn es sich empört, hätte tun sollen und wie es hätte besser und gelinder
handeln können und sollen und ob zuviel oder zuwenig Blut dabei vergossen
worden. Ja, wenn von einem Plane die Rede ist, den ein einzelner Mann entwirft,
wenn die Frage ist, ob Brissac recht und weise handelte, als er, ehe Heinrich
der Vierte sich auf dem Throne befestigt hatte, über dem Entwurfe brütete, aus
Frankreich eine freie Republik zu machen, dann lässt sich vielleicht entscheiden,
inwiefern er dazu Befugnis und Veranlassung hatte, ob er, bei der damaligen
Stimmung und politischen Lage der Nation, sich mit einem glücklichen Erfolge
schmeicheln durfte oder nicht und welche Mittel er hätte anwenden sollen und
können, um seinen Zweck zu erreichen; wenn aber ein ganzes Volk, durch eine
lange Reihe von würkenden Ursachen, dahin gebracht ist, seine bisherige
Regierungsform, die nicht taugte, die nicht in die jetzigen Zeiten, nicht zu dem
gegenwärtigen Grade der Kultur passte, in welcher sich der größte Teil der Bürger
unglücklich fühlte, mit Gewalt über den Haufen zu werfen, wenn sie alle hierzu
durch einen Geist belebt
