, ihrer Überzeugung gemäß, die heiligste
ihrer Pflichten, die keinem Zwange unterworfen sein kann, erfüllen wollen,
können froh sein, wenn sie geduldet werden. Dass man sie von bürgerlichen Ämtern
und Vorteilen ausschliesst, versteht sich von selber, und es ist die Frage, ob
jemand, der laut sich erklären würde, er glaube nicht an die ewige Verdammnis,
auf dem ganzen festen Lande von Europa an irgendeinem Orte als Nachtwächter Brot
fände. Die Geistlichen machen einen besonderen Stand aus und mischen sich in
Geschäfte, welche allein die weltliche Regierung angehen, dirigieren den
Unterricht der Jugend und lassen den Menschen den vierten Teil seines Lebens,
den er anwenden sollte, sich zum guten Bürger zu bilden, mit dem sehr unnützen
Studium der dogmatischen Lehrsätze verschwenden und ihn, wenn er vierzehn Jahre
alt ist, angeloben, was er sein ganzes Leben hindurch glauben will, gleich als
wenn ein Mensch voraus wissen könnte, was er in der nächstfolgenden Stunde
glauben wird, und als wenn man nicht jedem überlassen müsste, da, wo es nur auf
seine individuelle Überzeugung und Glückseligkeit ankömmt, sich ein System zu
wählen, das ihm Ruhe und Zufriedenheit gewährt! Noch alberner, wenn das möglich
ist, muss es einem Philosophen vorkommen, dass die Fürsten in Friedensschlüssen
miteinander darüber einig werden, was ihre sämtlichen Untertanen künftig glauben
sollen. In katholischen Reichen übt denn vollends die Geistlichkeit eine Gewalt
aus, die zuweilen sogar der weltlichen Regierung furchtbar ist und die ihr
niemand übertragen hat, verschwelgt im Müssiggange das Fett des Landes,
verurteilt ihre Mitglieder, den Trieben der Bestimmung und den Pflichten zu
entsagen, wozu die Natur alle Geschöpfe auffordert, und entzieht dem Staate
tätige Bürger, um sie in Klöster einzusperren. Die vorgeschriebne Art der äußern
Gottesverehrung besteht in manchen Ländern aus läppischen, kindischen
Zeremonien, in andern aus den allerlangweiligsten und geschmacklosesten
Gebräuchen.
    Alle diese politischen und kirchlichen Systeme nun hindern denn auch den
Fortgang der Wissenschaften und hemmen den freien Untersuchungsgeist. Wem die
Natur Talente gegeben hat, Licht zu verbreiten und Wahrheit zu finden, der muss
seine schönsten Jahre verschleudern, um sich und die Seinigen fähig zu machen,
durch die Menge verwickelter Verhältnisse hindurch, in die Klasse der wenigen
hinaufzurücken, die auf Unkosten der übrigen größeren Anzahl leben; die
Philosophie darf über alles grübeln, nur nicht über das, was den Menschen am
wichtigsten ist; wer Geschichtbücher schreibt, der schildert die Torheiten und
Verirrungen einzelner Personen. Der Gelehrte muss ums Geld arbeiten; er muss sich
also nach Zeit, Umständen und den Launen des Publikums richten, statt nur
Wahrheit und Schönheit vor Augen zu haben. - Doch warum sollte ich die Züge
häufen, um die Inkonsequenzen unsrer Verfassungen zu schildern? Leugne einer,
wenn er kann,
