 und wo bloß ihr Familieninteresse
im Spiele ist, führen sie blutige Kriege, die Hunderttausende das Leben kosten.
Was ging denn der Spanische Sukzessionskrieg die französische Nation an? Was
kümmerte es die Schweden, ob der König in Polen Augustus oder Stanislaus hieß?
Sie privilegieren gewisse Stände auf Unkosten der übrigen Bürger und bestimmen
über die öffentliche Ehre, als wenn diese von ihrer Schätzung abhinge, ein Werk
ihrer Schöpfung wäre. Rang, Gewicht und Ansehen sind nicht der Preis des größeren
Verdienstes, der größeren Nützlichkeit, sondern der Gunst eines einzelnen.
Gefällt dem Fürsten ein Schmeichler, ein müssiggehender Hofschranze vorzüglich
wohl, so gibt er ihm den Rang eines Feldherrn und überschüttet ihn mit
Reichtümern, die hundert arbeitsame Familien aus dem Elende retten würden. So
sind denn die unnützesten Bürger die vornehmsten und reichsten und die, welche
mit ihrer Hände Arbeit den Staat aufrechterhalten, verachtet und dürftig. Wo
etwa noch Repräsentanten des Volks, dem Anscheine nach, das Recht haben, zu
Abgaben und neuen Einrichtungen ihre Einwilligung zu geben oder zu verweigern,
da werden diese Repräsentanten nicht frei gewählt aus denen, welche am mehrsten
bei solchen Verhandlungen interessiert sind, sondern es sind Personen, die
entweder aus Furcht oder aus Eigennutz so reden, wie es der Regent gern sieht,
und die um so williger sind, ihm alles zu geben, was er fordert, da sie das
Privilegium haben, keine der Lasten mitzutragen, sondern sie allein auf die
Klassen zu wälzen, welche keine Stimme haben. Derjenige Stand, welcher grade am
mehrsten leisten und zahlen muss, darf am wenigsten dazu sagen, auf welche Weise
er leisten und zahlen will. Friedensschlüsse, die ganzen Nationen neue
Verbindlichkeiten auflegen, werden, ohne Rücksprache, von einzelnen Personen
beschworen und - gebrochen. Über dies alles seine Meinung freimütig, wenn auch
noch so bescheiden, zu sagen, so wichtig auch diese Gegenstände der ganzen
Menschheit sind und so unbezweifelt das Recht jedes Mitbürgers ist, sich darum
zu bekümmern, wie mit ihm und dem Seinigen gewirtschaftet wird - das gilt für
ein Staatsverbrechen. Gibt es doch in Italien einen Staat, der noch vor wenig
Jahren sechstausend Spione besoldete, die jedes Wort von der Art aufsammeln und
hinterbringen mussten!
    Ebenso mit Vernunft und Billigkeit streitend wie die politischen Grundsätze
in dem größten Teile von Europa, so sind es auch unsre gottesdienstlichen
Einrichtungen und kirchlichen Verfassungen. Der Staat masst sich das Recht an zu
entscheiden, wie man von Gott und göttlichen Dingen denken und reden und nach
welcher Form man dem höchsten Wesen seine Verehrung bezeugen solle. Diese von
der weltlichen Regierung dem Schöpfer aller Dinge vorgeschriebne Weise, wie er
sich soll anbeten lassen, nennt man dann die herrschende Religion, und gute
Bürger, die aber nach einer andern Art
