 Tyrannei aus dem Wege
räumen, sondern nur von Tyrannen wechseln; dass, wenn Kultur und Verderbnisse
aufs höchste gestiegen sind, fast immer ein Zustand von tiefer Barbarei wieder
folgt, so wie nach einem Zeitraume, wo Aufklärung und spitzfündige Klügelei die
Oberhand hatten, eine Periode voll Aberglauben und Stupidität eintritt - alle
diese Tatsachen aus der Geschichte machen den gutmütigen, für das Wohl der
Menschen glühenden Träumer nicht irre. »Eher«, sagt er, »kann jener glückliche
Zeitpunkt nicht erscheinen, eher kann das unvergängliche Reich der Weisheit und
Tugend nicht fest gegründet werden, als bis alle diese Erfahrungen sich ins
unendliche gehäuft haben und alle Völker des Erdbodens den Zirkel der
Verderbnisse mehrmals durchlaufen sind. Allein es kann nicht der Plan der
Vorsehung sein, dass das Menschengeschlecht sich ewig in diesem Zirkel von
Unvollkommenheit herumdrehn soll. Der Augenblick der letzten Katastrophe ist nur
noch nicht da; aber er ist nicht fern; die Begebenheiten der neueren Zeit sind
keine Wiederholungen; sie lenken unmittelbar und schnell zum Ziele. Die Gärung
ist allgemein und kann zu nichts Kleinem, kann nicht das alte Spiel wieder
herbeiführen.«
    Wollte Gott, es wäre also! aber mir scheint diese Hoffnung wenigstens noch
zu gewagt. Ja, wenn jeder einzelne die ganze Reihe von Erfahrungen an sich
selber gemacht hätte, so könnte man wohl darauf rechnen, dass dauerhafte
Eindrücke davon zurückblieben und seine Bildung vollendeten; allein fremde
Erfahrungen dämpfen nicht eigne Leidenschaften, und von allgemeinen
Begebenheiten macht man selten spezielle Anwendung, wenn das liebe Ich in das
Spiel kommt. Überhaupt liegt es sehr selten an der Erkenntnis, wenn die Menschen
nicht gut und nicht weise handeln. Freilich muss echte Aufklärung manche Tugenden
allgemeiner verbreiten, die in einem Zeitalter, wo Barbarei herrscht, nur selten
angetroffen werden; aber immer wird der größere Teil der Menschen in jedem
Jahrhunderte unmündig bleiben, wird Lenkung, Gesetze, ja, Zwangsmittel und
Täuschung bedürfen. Diese Fesseln trägt auch jeder gern ohne Murren, wenn der,
welcher sie ihm anlegt, nur dabei die Mühe übernimmt, ihm Sicherheit und Ruhe zu
verschaffen. Er lässt sich gern einen Teil seiner Unabhängigkeit rauben, wenn er
dagegen einen Teil seiner Sorgen von sich abwälzen kann; er tut gern Verzicht
auf eigenes Denken, wenn der, welcher für ihn denkt, ihm nur Resultate liefert,
die ihn beruhigen; er lässt sich gern täuschen, wenn diese Täuschung nur
tröstlich ist - kurz, er opfert gern seine Freiheit auf, wenn dies Opfer nur
freiwillig und für ihn wohltätig ist oder scheint.
    Nach diesem Maßstabe also muss man alle Regierungsverfassungen und
Volksreligionssysteme beurteilen, und jede, die auf andern Grundsätzen beruht,
muss früh oder spät scheitern oder umgestürzt werden, sobald die größere Anzahl
die Augen über ihren Zustand
