 zu gestatten. Der
Boden trägt willig die Früchte des Fleißes, und dieser Ertrag reicht zu, ihre
mäßigen Bedürfnisse, ohne große Anstrengung, ohne saure Arbeit, zu befriedigen,
ihr alle Notwendigkeiten des Lebens zu liefern. Bei dieser nützlichen
Geschäftigkeit ist der Mensch an Leib und Seele gesund, ohne Gebrechen, ohne
unruhiges Streben, ohne Leiden, ohne Sorgen für die Zukunft, stark und heiter.
Aber die Bevölkerung nimmt zu; die Verbindungen werden mannigfaltiger, die
Bedürfnisse vervielfältigen sich; und nun erwachen Wünsche und Leidenschaften.
Durch Künste, Tausch und Handel entstehen neue Verhältnisse, die Einförmigkeit
der Lebensart verschwindet; Misstraun, Begierlichkeit und Neid erzeugen
Forderungen, Zwist, Kampf, Streit, Krieg. Es werden Vergleiche geschlossen; neue
Vereinigungen, Bündnisse und Trennungen geben dem gesellschaftlichen Leben eine
andre Form. Es entstehen Staaten; der Stärkere aber unterjocht den Schwächern;
man entwirft Gesetze, über die sich der Mächtige hinaussetzt und denen sich der
Schutzbedürftige unterwerfen muss. Doch der Schlaue ersetzt durch List, was ihm
an Kraft fehlt, und herrscht über den von geringeren Geistesfähigkeiten.
Täuschung ersetzt die Stelle der Gewalt; die Politik eines einzigen bauet ihren
Thron auf die Uneinigkeit und Unentschlossenheit von Millionen. Treue und
Glauben, Mäßigkeit und Einfalt verschwinden; die Sitten werden verderbt; jeder
lebt nur für sich, hascht nach Genuss, genießt und begehrt noch immer, nimmt, wo
er nehmen kann, und hat doch nie genug - fraget jeden einzelnen, und keiner ist
zufrieden. Nichtswürdige Kleinigkeiten haben Wert erhalten, und das, was allein
Wert hat und allein glücklich und ruhig machen kann - das findet der mit
Blindheit geschlagne Haufen nicht. Indes aber hat die Kultur, zugleich mit
Einführung des Luxus in alle Klassen der Bürger, Wissenschaften verbreitet und
Geistesausbildung befördert. Das rastlose Streben nach Glück und Gemütsruhe
erweckt Nachdenken über diesen verwickelten Zustand; die sich unglücklich
fühlenden Menschen fangen an zu philosophieren, zu räsonieren; und nun kommt der
schönste Teil des Traums, aber, wie es mit Träumen geht, dann ist man auch nahe
am Erwachen. Die Menschen werden endlich weise, durch eigne Erfahrungen und
durch die Geschichte andrer Völker, und indem sie weise werden, werden sie auch
tugendhaft; denn der höchste Grad der Aufklärung ist immer auch der höchste Grad
von Güte. Sie öffnen die Augen und sehen: dass alles Streben und Ringen nach
Genuss, Besitz und Freude auf nichts abzielt; dass die Befriedigung aller dieser
Wünsche keine so große Summe von Glückseligkeit gewährt, als man in dem ersten
Zustande der Natur ohne Mühe, auf dem einfachsten Wege, findet; dass der am
mehrsten besitzt, der am wenigsten bedarf; dass nur der Genuss hat, der mäßig
genießt; dass Tugend üben, sein eigenes
