 ganzen zu weit gegangen sei, oder hofft, dass diese allgemeine Gärung nach
und nach alle Gemüter zum Frieden geneigt machen, dass man von beiden Parteien
die Saiten herabstimmen und am Ende eine monarchische Staatsverfassung wieder
herstellen werde, doch also, dass die Gewalt des Königs und der Minister, durch
die Mitwirkung gewisser Volksrepräsentanten, beschränkt sei. Nur wenige sind
weise genug, sich aller entscheidenden Urteile zu enthalten, das, was geschehen
ist, wie unvermeidliche Folge vorhergegangener Missbräuche zu betrachten und die
beste Entwicklung von der gütigen und weisen Vorsehung zu erwarten.
    Wundern wir uns nicht über die große Verschiedenheit dieser Meinungen!
Selbst zwei gleich unparteiische, gleich einsichtsvolle Reisende können, was sie
während dieser Unruhen in Frankreich sehen, aus sehr verschiedenen
Gesichtspunkten betrachten. Der eine, wie zum Beispiel der Herr Rat Kampe,
durchreist, ehe er den französischen Boden betritt, Gegenden, in welchen von
allen Seiten der Anblick der Not, der Niedergeschlagenheit, der Sklaverei,
welche des armen Landmanns Erbteil in so manchen Provinzen sind, und des
Übermuts und der willkürlichen Anmassungen der höheren Stände sein moralisches
Gefühl empört hat; und nun wird er auf einmal auf einen Schauplatz versetzt, wo
ein von der eben mühsam errungnen (wahren oder, wäre das auch, eingebildeten)
Freiheit wonnetrunkenes Volk ihm entgegenjubelt; wo er, im Geräusche dieser
allgemeinen Trunkenheit, keinen Seufzer, keine Klage hört, wo die ganze Nation,
zu einem herrlichen Feste vereinigt, in dem Augenblicke der Berauschung alle
Privatuneinigkeiten und allen Parteigeist vergisst, wo Freund und Feind Hand in
Hand um den Altar der Freiheit den Reihen tanzen und wo er, in diesem ungeheuren
Gewühle, doch auch nicht eine einzige Szene von Unordnung oder Gewalttätigkeit
wahrnimmt, ohne welche in monarchischen Staaten selten das Geburtsfest
irgendeines der Menschheit sehr unwichtigen und unnützen Großen gefeiert werden
kann - wen kann es befremden, wenn dieser Mann, bezaubert von dem vorher noch
nie genossenen einzigen Anblicke in seiner Art, von einem Anblicke bezaubert,
der den gefühllosesten Menschenfeind mit Wonne und Bewunderung erfüllen müsste,
wenn dieser Mann, sage ich, sein Herz sich erweitern fühlt und diese Empfindung
sich in ihm erneuert, indem er die Szenen schildert, wobei er ein Zeuge gewesen,
wenn er dann mit Wärme einer Revolution das Wort redet, die wenigstens nach dem,
was er gesehen und gehört hat, soviel Millionen Menschen glücklich und froh
macht? - Wehe dem verächtlichen Sklaven, der deswegen von dem Kopfe oder von dem
Herzen dieses Mannes nachteilig urteilen oder gar es versuchen wollte, ihn,
wegen einiger kühnen Ausdrücke oder einiger vielleicht (doch nur vielleicht)
übertriebnen Deklamationen, verdächtig oder lächerlich zu machen!1
    Ein andrer, nicht weniger hellsehender Reisender kommt in eine französische
Stadt, wo grade der noch nicht beruhigte
