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angenommen, das Ihrige wäre so beschaffen, dass es Sie immer zum Guten leitete,
nur aber auf eine Weise, welche der eingeführten Ordnung zuwiderliefe; so müsste
dennoch Ihr Charakter verwildern; so müssten Sie eben darum ins ärgste Verderben
sinken, weil Sie so sehr über Ihre Brüder erhaben wären. Es könnte nicht fehlen,
indem Sie diejenigen Gesetze angriffen, welche der allgemeine Menschensinn für
unverbrüchlich erklärt, dass Ihnen beinah jedweder im Wege stünde; Ihre
Bestrebungen hemmte; unwissend oder aus Absicht Ihnen die äußerste Qual
verursachte; kurz, dass jedermanns Hand sich wider Sie erhöbe: zwiefach wäre dann
gegen jedweden die Ihrige; Ekel, Gram und Hass nähmen Ihre Seele ein; mit der
Gewalt drängen Sie nicht durch; Sie müssten also um Ihr erhabneres Leben zu
retten, List, Verstellung, Betrug zu Hilfe rufen, lauter krumme Wege gehen; dies
entzweite Sie notwendigerweise mit sich selbst, und so müssten Sie bald voll
tiefen Greuels sich und die Welt verfluchen.
    Schnöde Prahlerei, dass Ihr Herz immer freier und freier schlage; es kann
nicht frei schlagen, solang es Geheimnisse des Frevels und der Schande zu bergen
hat; solang es vor dem Blicke des Unsträflichen sich zusammenziehen - von dem
Atem des Reinen ersticken muss in seinem Blut - damit nur Deine Stirne weiß
bleibe, wenn er Dinge der Finsternis mit ihrem Namen bezeichnet, und Du fühlest,
er redet von Deinen Taten - Allwill, mir schaudert die Haut, wie ich Dich
manchmal beben - vergehen sah; bis zur Ohnmacht in Verwirrung über dem
absichtlosen Worte eines Toren, eines Kindes; über den Mutwillen eines
Gassenbuben, die Schmähreden eines Trunkenen.
    Aber Sie haben wohl nunmehr dergleichen Schwachheiten von sich abgeworfen.
Aus einem Stück Ihres Briefes, wo Sie die Zweideutigkeit aller Tugenden zu
erweisen trachten, erhellet, dass Sie wenigstens mit großer Mühe daran arbeiten.
Ich will Sie nicht stören, Eduard. Doch zur Erholung lassen Sie sich erzählen,
was ich gestern von ungefähr in meinem ehrlichen Montaigne las, und dann eine
Anekdote, die ich weiß. Der treuherzige Montaigne erzählt, dass man ihn nie hätte
vermögen können, für König und Vaterland sogar, in etwas Schlechtes zu willigen.
Er glaubte, wenn er einmal sich selbst wäre untreu geworden, würde er leichtlich
nachher es auch dem Staat werden. Man muss eine Sache Gott überlassen, sagt er,
wenn menschlich zu helfen unmöglich ist, und was ist unmöglicher, als dass ein
rechtschaffener Mann Treu und Glauben verlasse? Was kann weniger sein, als was
ein Mann von Ehre nur mit Ehr- und Wortesschmach bewerkstelligen könnte?
Hiernächst erwähnt er unter andern des Epaminondas, des vortrefflichsten unter
den Menschen, bei welchem jede einzelne Pflicht in so hohem Ansehen war, dass er
