 Gruß; o lebe wohl!« -
Otello ruft: »Sie ist als eine Lügnerin zur Hölle gefahren; ich war's, der sie
ermordete. «- Aber, o gerechtester Gott! wer wollte nicht mit einer solchen Lüg
im Munde den Geist aufgeben, und sich für deinen Richterstuhl stellen?
    Auch ist schon das so gar schwankend, was ich diesen Augenblick zum Behuf
der Wahrhaftigkeit, der Unverstellteit, der Offenherzigkeit vorbrachte; als,
z.B., wir verabscheuen nicht selten ebensosehr das Unschuldige, das Ruhmwürdige
sogar, zu offenbaren, als das Böse und Schändliche; und diese Schüchternheit zu
überwinden, ist manchmal der größte Heldenmut nicht zureichend.
    Das schöne Register eurer sogenannten Tugenden auf diese Weise
durchgegangen; dann in dem Mischmasch sie betrachtet, wie ihr sie ganz und alle
zusammen, durch einen chymischen Prozess so gern in unsre Seelen treiben, und
darin hermetisch versiegeln möchtet! - Sollten wohl sein (wir Menschen) eine Art
von Gewächs, das zugleich Kastanien trüge und Pomeranzen, und auch eine Ananas
wäre, und ein Erdapfel, und ein Rosenstrauch - aber beileibe! daran keine
Dornen. - Sollte wohl - Asia gelegen sein in Europa - sollten uns wohl bemühen,
die Kunst der Barometer und Termometer so weit zu treiben, dass wir rund um die
Erde Zonam temperatam kriegten, und immer schönes und fruchtbares Wetter
zugleich hätten - sollten wohl alle Tugenden erwerben und ausüben - beim
Kegelschieben, oder beim Tarock, à l'hombre - sollten - sollten -
    Ja, so in etwa - denken lässt sich freilich manches - noch so eben. Aber von
der schimärischen Vorstellung bis zur eigentlichen; vom Traum bis zur
Würklichkeit - wie weit!
    Es wird überhaupt nie genug erwogen, was für ein unendlicher Unterschied
zwischen Bild und Sache, zwischen Idee und Empfindung ist. Welch eine Menge der
entgegengesetztesten Dinge können wir in der Idee nebeneinanderstellen,
aufeinanderfolgen lassen? Ich denke, Himmel und Hölle, und mir ist ungefähr
einerlei dabei zumute. Darum überwiegt so häufig sinnlicher Reiz die Ideen von
den schrecklichsten Plagen der Zukunft: Und darum ist's so ein Lumpenkram um
alle gelernte Religionen und alle gelernte Moral. Ein Mensch, der beständig in
der Anschauung edler Gegenstände ist, wird gewiss nie unedel handeln; wer aber
das minder Gute, das minder Schöne in der Anschauung, und das höhere Schön' und
Gute in der Idee hat; wie wollte der handeln können diesen gemäß? Alles stimmt
zusammen die Menschen unsrer Zeit in diesen Fall zu setzen; daher der beständige
Widerspruch zwischen Handlungen und Grundsätzen - daher die Irrungen selbst in
dem System der Grundsätze, weil nichts irrleitender ist, als die Kombinationen
bloß spekulativer Ideen. - Was für Meinungen, was für Entschlüsse
